Jüdische Menschen legen Steine auf den Grabstein um sich an die oder den Toten zu erinnern.
Sie glauben, dass ein Mensch erst wirklich tot ist, wenn man nicht mehr an ihn denkt.
Insofern ist das Folgende auch ein Versuch sie, meine Gabi, gegen alle Vernunft lebendig zu halten.
Zumindest so lange ich lebe und noch irgendjemand, und wenn ich der Einzige bin, der diesen Text liest.
Es ist jetzt der 9.April 2020 6:08. Gestern um 6:34 rief mich Gabi aus dem Krankenhaus an um mir zu sagen, dass sie sterben wird. Das Gespräch dauerte 4 min 25 s. Während des Gesprächs atmete Gabi schwer und ich versuchte ihr das Sterbenwollen aus zu reden.
Kurz nach 7 Uhr rufe ich bei Ihrem behandelnden Arzt an und sage ihm, das meine Frau davon ausgeht, dass sie stirbt. Er habe sie gerade bei seiner Visite getroffen und meint, es gehe ihr den Umständen entsprechend.
Da alle Krankenhäuser wegen Corona derzeit geschlossen sind, machte er mir das Angebot um 14 Uhr zu kommen und mich dabei auf ihn zu berufen, ich bekäme dann eine Viertelstunde.
Eine halbe oder dreiviertel Stunde später ruft er mich an und sagte, ich solle mir so schnell es geht ein Taxi rufen, meine Frau liege im Sterben.
Ich beeile mich, aber es dauert. Erst musste das Taxi kommen. Dann durch die Corona-Kontrolle, ins richtige Gebäude, warten auf den Fahrstuhl, ins Sekretariat, dort wird angerufen, dass ich auf die Station kann.
Auf der Station: „Hier ist ihr Zimmer“.
Als ich das Zimmer betrete, sehe ich gerade, wie eine Schwester und eine Schwesterschülerin einer Toten den Puls messen.
Ich nehme ihre Hand. Sie ist noch warm, aber ich bin zu spät.
Je kränker Gabi wurde, desto stärker wuchs mein Glaube, dass sie den Krebs besiegen kann und ich ihr dabei helfe.
Jetzt hat mein allzu starker Glaube verhindert, dass ich mich von Ihr verabschieden konnte.
Dabei war ich doch vor kurzem noch so stolz auf mich, dass ich meinen christlichen Glauben, den Glauben an den Kommunismus abgelegt und endlich in der Kirche der Ungläubigen und Skeptiker gnädig aufgenommen wurde.
Jetzt hat mir meine allzu starke Neigung, das zu glauben, von dem ich will, das es so ist, wieder eingeholt.
Und Gabi als mein wichtigstes Korrektiv ist tot.
Es war ein Morgen, wie alle Morgen in letzter Zeit. Gabi war gegen Morgen aus dem Bett in Ihren Sessel im Nachbarzimmer umgezogen. Im Sitzen bekam sie besser Luft. Das leise Summen des Elektromotors, mit dem der Sessel passend eingestellt werden konnte, verriet mir, dass sie umgezogen war und manchmal, wenn ich jetzt gegen Morgen aufwache, lausche ich, ob nicht der Elektromotor summt.
Wenn es Zeit war auf zu stehen oder ich zumindest der Meinung war es sei an der Zeit, fragte ich „Kaffee oder Tee“, manchmal wünschte sie sich dann Grünen Tee, manchmal Reizhusten- und manchmal Brennesseltee, aber meistens wollte sie Kaffee.
Ich kann es nicht beschwören, aber ich meine, an diesem Morgen wollte sie Kaffee.
Anschließend versorgte ich noch unseren Paprika, der am Fenster wuchs und der reinste Wassersäufer war, mit einem frischen Fußbad.
Dann ging ich nach unten und machte mich ans Frühstück, abräumen vom Vortag, Tisch decken, Kaffeemaschine füllen, Müsli etc. beischaffen. Wenn Gabi oben hörte, dass ich soweit war, setzte sie sich in ihren Treppenlift und kam nach unten, an ihren Platz am Kopfende.
Meistens aß sie nicht mehr als ein wenig Schwedenmilch.
Eine schwedische Art Sauermilch, die ich in Helsingborg, im Molberg, kennen und schätzen gelernt hatte und die nun das einzige war, was sie morgens noch vertrug.
Gegen 10 Uhr kam Frau Berger, die Putzfrau von der ökumenischen Sozialstation.
Wie immer gab es anfangs einen kleinen Plausch, bei der es auch um das aktuelle Befinden ging.
Gabi hatte in relativ kurzer Zeit 7KG an Gewicht zugenommen, alles Wasser. Die Beine, der Bauch, alles war angeschwollen. Deswegen hatte sie, nach Rücksprache mit Frau Dr.Braun, die Chemo abgeblasen und sollte mittags um 14 Uhr vom Krankenwagen abgeholt werden.
Wir begannen deswegen auch etwas zeitiger als sonst mit den Vorbereitungen zum Mittagessen. In der Gemüsekiste des Biohofs „Blattlaus“ war letztes Mal ein Fenchel gewesen, für den es Zeit war. Also gab es Fenchel-Rissotto mit Salat. Gabi saß auf ihrem Platz. Ich brachte alles an den Eßtisch und sie schnippelte den Fenchel, hackte die Zwiebel, putzte den Salat.
Ich wusch den Salat, machte die Salatsoße, richtete den Rissotto-Topf, gab erst die Zwiebeln mit ausreichend Öl hinein, lies es heiß werden und fügte dann nach und nach alles, was sie gerade fertig geschnippelt hatte, hinzu. Am Schluss den Reis und dann immer wieder mit Brühe ablöschen, am Schluss Weißwein, Parmesan, den sie noch klein geschnitten hatte und ein wenig Zitrone.
Es war so wie immer in letzter Zeit: Wir kochten im Team und aßen dann auch im Team, nur dass ihr diesmal der Salat nicht schmeckte.
Frau Berger erklärte noch, dass sie zu Hause eher Pilz- als Gemüserissitto macht und wünschte uns, und vor allem Gabi, da ihre 2 Stunden rum waren, alles Gute.
Dann kam schon der Krankenwagen und Gabi war enttäuscht, dass ich ihr, als sie mit ihrem Rollstuhl auf der Rampe in den Krankenwagen stand, keinen Kuss gab.
Es könnte ja das letzte Mal sein, dass wir uns sehen.
Es war dann auch das letzte Mal, nur dass ich diese Möglichkeit nicht in Betracht ziehen wollte.
Es ist Sonntag, der 19.4., am Freitag war Gabis Beerdigung, ich stehe auf und habe von meinem Nachtisch ein Fitzelchen Papier weg zu werfen.
Also gehe ich zu Gabis neuem Sessel, elektrisch verstellbar, in den sie nachts aus dem Bett floh, wenn ihr das Atmen schwer fiel.
Da steht der Abfallkorb, rechts neben ihrem Sessel, aber es ist der Restabfall. Ich fische eine leere Flasche Fresubin, sogenannte „Astronautenkost“ für Kranke, denen nichts mehr schmeckt, die aber ihre Eiweiße brauchen, Geschmacksrichtung „Walderdbeere“ aus dem Korb. Der eiweißreiche Rest der Nährflüssigkeit hat einen tiefschwarzen Schimmelpilz ernährt, der sich seit dem 7.4. gut entwickeln konnte.
Unter dieser Plastikflasche eine Trauerkarte, original verpackt, aus dem Weltladen. Ein nicht-fairgehandeltes Zusatzprodukt aus dem Weltladen der Firma Eschbacher.
Um den Verkauf dieser Produkte hatte es im Verein einen langen und heftigen Streit gegeben, bei dem Gabi, wie immer, wenn es ihr ohne zwingenden Grund zu hitzig wurde, für eine pragmatische Lösung eintrat.
Diese Karte hatte sie offensichtlich im Zorn im Restmüll entsorgt.
In der Woche vor ihrem Tod hatte sie in der RHEINPFALZ die Annonce zum Gedenken an die verstorbene Frau Uphoff entdeckt. Uphoffs waren Nachbarn in der Ludwigshafener Mozartstraße. Und Frau Uphoff war die Einzige aus der Ludwigshafener Nachbarschaft, die Gabi und die Schwiegermutter nach dem Tod meines Schwiegervaters Rudi in Mutterstadt besucht hatte.
Also wurde ich losgeschickt, um in unserem Sekretär nach Trauerkarten zu suchen. Ich fand 3-4 und überlies es Gabi die passende auszuwählen.
Da ich Frau Uphoff nicht gekannt hatte, hatte ich auch sonst wenig mit dem weiteren Procedere zu tun, außer dass ich die Karte zum Briefkasten trug.
Einige Tage später erhielt Gabi einen Anruf vom jüngsten Sohn der Uphoffs, der sich sehr erfreut für ihr Mitgefühl bedankte.
Sie hatte offensichtlich eine andere Karte für ihr Beileid gewählt, als die im Müll entsorgte.
Auf der Abfall-Trauerkarte sieht man vorne eine auf einem Stein liegende Tulpe auf der Rückseite ein Gedicht von Mascha Kaleko:
„Memento“
Vor meinem Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
- Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Mascha Kaleko“
Ich möchte vor Scham in den Boden sinken, dass ich einer Todkranken solchen Tineff in die Hand gedrückt habe.
Noch schlimmer ist nur, dass sie ihn auch noch lesen musste.
Frau Kaleko walzt hier in reichlich einfältigen Versen einen Gedanken aus, den Epikur geäußert hat:
Nicht der Tod sei das Problem, denn als Toter hat man keine Schmerzen mehr.
Schmerzvoll sei der Tod deswegen vor allem für die, die am Leben bleiben.
Epikur vergisst bei seinem Trost allerdings, dass das Sterben selbst ein in jeder Hinsicht schmerzvoller Vorgang ist. Dabei bereitet nicht nur das langsame Erlahmen der körperlichen Kräfte sehr große Qualen, mindestens genauso schlimm ist es wissend auf ein großes ewiges Dunkel zu zugehen.
Jeder Sonnenstrahl der einem trifft und wärmt, kann der letzte sein.
Ich schwanke: Soll ich diese dumme Karte ordnungsgemäß entsorgen, Folie in den einen Sack und Karton in den anderen oder in meinen Karton mit Erinnerungen an Gabi, die auch wenn sie weh tun, bleiben sollen.
Vor allem aber will ich unsere Einkäuferin für den Weltladen, Romy Rödl, fragen, ob sie diese dumme Karte nicht aus dem Sortiment schmeißen kann.
Nachtrag:
Heute, am 21.4.2020 erreicht mich folgende Trauerkarte von Christian Uphoff:
„Sehr geehrter Herr Altvater,
mit Bestürzung habe ich die Traueranzeige Ihrer Frau gelesen. Mein eines Telefonat, sowie die Trauerkarte, welche Ihre Frau uns geschickt hatte, lassen mich erahnen, welchen Menschen Sie verloren haben. Ich wünsche Ihnen viel Kraft um mit diesem Verlust fertig zu werden! Mit stillem Gruß Christian Uphoff mit Familie“
Da ich nur den ordentlich mit Briefmarken beklebten Umschlag in den Briefkasten geworfen habe, weiß ich natürlich nicht, was Gabi Familie Uphoff geschrieben hat. Es scheinen jedenfalls nicht die üblichen Floskeln gewesen zu sein.
Ich lese gerade „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ von Delphine Horvilleur.
Frau Horvilleur ist eine französische Rabinnerin.
Für sie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen. Für den Antisemiten ist der Jude der weibliche Mann, der den Antisemiten, einen „richtigen“ Mann, in seiner Identität bedroht.
Nun ist der Satz von der Identität A=A oder auch Ich=Ich ja das Fundament jeden logischen Denkens. Alle Schlüsse, etwa in Form von Wenn-Dann-Ketten, die man zieht, gelten nur dann als wahr, wenn auch die Identität gegeben ist, d.h. wenn auch mein Ich tatsächlich mein Ich ist.
Werde ich zum Anderen geht jede logische Gewissheit verloren. Noch bedrohlicher ist die Idee, das mein Ich immer auch ein Anderer ist.
Diese Idee gehört Hegel.
Aber nicht nur ihm. Jeder Yoga-Lehrer weiß davon.
Auf den Atem achten, heißt sich selbst beim anders-werden zu beobachten.
Ein Teil meines Ichs wird zum Nicht-Ich und ich verleibe mir fremde Moleküle und immer auch Viren, nicht immer krankmachende, ein.
Das ist das Prinzip jeden Stoffwechsels und ohne Stoffwechsel sind wir tot.
Sind wir also erst wirklich ganz identisch mit uns, wenn wir tot sind?
Und was ist mit den Würmern?
Als Jugendlicher versuchte ich Goethes „Dichtung und Wahrheit“ zu lesen. Allerdings hat mich dann irritiert wie genau sich der alte Mann an das vierjährige Kind erinnert.
Zwar war es sehr klug, dass er sein Werk „Dichtung und Wahrheit“ nannte, denn Erinnerung ist immer beides: Dichtung und Wahrheit, aber es war mir, in Bezug auf den Vierjährigen, zu viel Dichtung und zu wenig Wahrheit. Ich habe Goethe bis heute nicht zu Ende gelesen.
Die folgende Geschichte wird sich vermutlich auch in oder um mein 4. oder 5. Lebensjahr abgespielt haben. D.h. vermutlich 1956, dem Jahr in dem Brecht starb und sowjetische Panzer den Ungarnaufstand niederwalzten.
Noch eine Vorbemerkung: In der Pfalz ist man ungefähr zu 40% katholisch und zu 50% protestantisch. Allerdings setzen sich diese Prozentzahlen aus einem Flickenteppich zusammen, bei dem in einem Dorf die einen die dominierende und auch unterdrückende Mehrheit sind, im anderen Dorf oder Stadt die anderen.
In Wachenheim ist man katholisch, nebendran in Bad Dürkheim protestantisch.
Bis zum Ende des 2.Weltkriegs konnte man vermutlich die Herrschaftsverhältnisse von 1648 an der Mehrheits-Religionszugehörigkeit der Dörfer und Städte ablesen.
Die Flüchtlinge aus dem Osten brachten dann große Veränderungen.
Und danach auch viele sogenannte „Mischehen“.
Bei mir heißt der Marienkäfer „Herrgottkäfer“ weil z.B. für meine Großmutter Marienverehrung ein eher heidnischer Brauch war.
Ich ging damals mit meinen Eltern gerne auf dem Friedhof spazieren und interessierte mich vor allem für Kindergräber.
Z.B. gab es auf dem Grethener Waldfriedhof ein kleines Kindergrab mit einem weißen Porzellanengel. Und in Seebach wurde auf dem Grab der Familie Thalhammer auch an eine bei ihrem Tod 14jährige Lina gedacht. Die allerdings nicht in diesem Grab bestattet war.
In meiner Erinnerung jeden Tag, aber es war wohl nicht jeden Tag, kam eine alte, gebückte Frau, die Frau Thalhammer die Seebacher Strasse hoch, durch unser Haus und den Garten zum Grab ihres Mannes und zum Gedenken an ihre Tochter.
Wenn ich nach Lina fragte, wurde mir erklärt, dass man der Frau Thalhammer schwer mitgespielt hätte. Was komisch war, denn sie lebte ja noch.
So stand meine Mutter vor einer doppelten Herausforderung: Sie musste mir den Ernst des Todes erklären und dass deswegen der Friedhof auch kein Spielplatz ist, und gleichzeitig musste sie mir die Angst vor dem Tod nehmen, der, wie ich von den Kindergräbern wusste, auch schon kleine Jungen treffen konnte.
Und so erzählte sie mir von Engeln im Himmel und dass kleine Jungs, wie ich, dort immer einen Platz finden werden. Neben dem lieben Herrn Jesus, der gesagt hatte: Ihr Kinderlein kommet!
Kurz darauf (jedenfalls in meiner Erinnerung) entdeckte ich einen toten Herrgottskäfer auf dem Rücken liegend. Ich war todtraurig. Warum muss dieser arme Käfer sterben?
Aber es gab ja eine Lösung:
Der Käfer war jetzt ganz bestimmt im Himmel.
Als ich das mit meiner Mutter besprach, erklärte sie mir, dass Käfer in keinen Himmel kommen. Und als ich wissen wollte warum, meinte sie, wenn alle Herrgottskäfer auf der Welt in den Himmel kämen, wäre dort sicher bald kein Platz mehr.
Damit hatte sie allerdings einen Samen des Zweifels in mir gepflanzt: Konnte es sein, dass irgendwann auch für all die Menschen im Himmel kein Platz mehr ist?
Und warum erspart der liebe Gott nur den Menschen den Tod, während alle anderen sterben müssen?
8.4.2020 steht im Zeichen der Corona-Pandemie
Ingrid Pecht, Apothekenhelferin, Ebern, gilt derzeit als systemrelevant, verheiratet, 3 Kinder, 1 Tochter und 2 Buben (Zwillinge). Wie mir ihr Mann Alfred bestätigt hat, müssen sich die Zwillinge schon im Mutterleib darüber gestritten haben, wem die Mama mehr Aufmerksamkeit schenkt.
Hat am 17.4. um 13:30 in der Eberner Kirche für Gabi eine Kerze angezündet.
Als ich sie um eine Erinnerungsspende für Gabi, hat sie mir erklärt, dass sie „hoalt red wie mir der Schnoabel“ gewachsen ist.
Ich habe ihr versprochen ihre Rede in allgemeinverständliches Hochdeutsch-fränkisch zu übertragen.
Das habe ich nun unterlassen, auch wenn im Text von der „Mutterstadter Kerwa“ die Rede ist. Jede „Verbesserung“ wäre eine Verschlechterung gewesen.
„Ich bin sehr traurig über den Tod meiner Cousine Gabi.
Wir wussten ja all dass sie sehr krank war, aber ich dachte und ich habe es ihr so sehr gewünscht das ihr zwei trotzdem noch ein paar schöne gemeinsame Jahre habt, doch leider sollte es nicht so sein.
Ich hatte sie schon immer sehr gerne, ihre liebe freundliche Art und sie konnte auch sehr lustig sein.
Ich erinnere mich gerne wenn sie mit dir und Tante Gunda zu uns kam, wir Geburtstag feierten z. B. meinen 50, Gertruds 90.und auch als wir ihren 60.Geburtstag gefeiert haben, es war ein sehr schöner Abend. Ja und jedesmal wenn wir bei euch waren z.B waren wir einmal mit euch auf der Mutterstadter Kerwa, wir saßen mit Bekannten von euch am Tisch, es war sehr lustig.
Gerne erinnere ich mich noch dass ich als Kind mit grosser Freude an Fasching ein Indianerkostüm und ein Chinesenkostüm (bei uns in der Straße hatte das sonst keiner) von meiner Cousine aus dem Rheinland getragen habe, vorher hatte es Helmuth an, ich konnte es nicht erwarten bis ich reingepasst habe. Oder an die Episode als ich von der Apotheke aus gesehen habe wie die Eberner Polizei euer Auto abgeschleppt hat, sie hielten euch für ein gesuchtes Verbrecher- Pärchen was haben wir da gelacht.
Es waren schöne Zeiten, meine Cousine Gabi wird mir sehr fehlen und ich werde unsere "Ludwigshafener Verwandtschaft" nie vergessen. „
Man hört auch im Schlaf. Und so hörte ich heute morgen, den 24.4.2020, 10 vor 5, ein Geräusch. Ich ging sofort ins Nachbarzimmer an ihren Sessel, in den sie sich flüchtete, wenn die Atemnot beim Liegen zu groß wurde, aber da war sie nicht.
Ich stieg die nächste Treppe hoch unters Dach, dort wo wir nach dem Einzug von Gunda unser Schlafzimmer hin verlegt hatten, aber da war sie erst Recht nicht.
Wie hätte Gabi da auch hinkommen sollen, wo ihr doch das Treppensteigen zuletzt so schwer fiel. Deswegen hatte sie auch immer für die Treppe vom Erdgeschoss zum ersten Stock jenen Treppenlift benutzt, den wir für ihre Mutter noch hatten einbauen lassen.
Ich gehe zurück in den ersten Stock, die Treppe nach unten und sehe die Zeitungen, taz und RHEINPFALZ im Hausflur liegen.
Jetzt weiß ich, woher das Geräusch kam.
Ich heiße Astrid Reuter und kannte Gabi ungefähr 44 Jahre. Gemeinsame gewerkschaftliche Jugendarbeit und Veranstaltungen der DKP und der Friedensbewegung und der 1.Mai haben dafür gesorgt, dass wir uns immer wieder begegnet sind. Häufiger getroffen haben wir uns, als Willi und ich den Tee- und Töpferladen, später den Wein- und Töpferladen und die Kichererbse eröffneten. Gabi und Walter gehörten von Anfang an zu unseren treuesten und angenehmsten Kundinnen. Ich glaube, dass nicht nur ihre Begeisterung für gutes Essen und Trinken und schöne Produkte, sondern auch Solidarität dabei eine große Rolle gespielt hat. Persönlich näher gekommen sind wir uns bei Gabis erster Krebserkrankung 2001. Ich weiß noch genau, wie meine Mutter, Rashid und ich sie im Marienkrankenhaus besucht haben. Gabi war sehr schwach, trotzdem um ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, besorgt.
Die ersten Tränen bei Gabis Beerdigung kamen mir, als ich das Bouquet aus roten Rosen mit der Inschrift: „Deine Wärme fehlt“ von Walter gesehen habe.
Walter hat das Bouquet dann auch selbst zum Grab getragen. Mich hat das sehr berührt, mir hat es sehr gefallen und ich war gleichzeitig sehr traurig, weil ich in dieser Zeile Walters große Trauer und Verzweiflung gespürt habe, genauso wie in der Todesanzeige und Danksagung. Ich habe in diesem Moment auch meine eigene große Traurigkeit über Gabis Tod gespürt.
Seit ihrer letzten Krebserkrankung sind wir uns sehr nahe gekommen und vertraut geworden. Ich glaube, dass wir füreinander wichtige Gesprächspartnerinnen waren und ich habe eine sehr gute Freundin verloren.
Gabis Tod hat mich mal wieder über mein Leben nachdenken lassen. Ich bin nicht nur traurig darüber, dass Gabi nicht mehr lebt, sondern auch darüber, dass ich sie nicht öfter besucht und angerufen habe. Ich weiß, dass ich sehr oft an Gabi gedacht habe und war immer sehr gerührt, wenn sie sich nach einem Besuch oder Anruf bei mir bedankt hat.
Das war mir fast peinlich, weil ich gern mit ihr zusammen war. Ich hatte den Eindruck, dass sie viel mehr Gespräche und Zuwendung von mehr Leuten gebraucht hätte.
Sie war sehr froh, dass ihr Kontakt zu Romy wieder intensiver wurde und freute sich über alle Treffen mit ihrer Freundin Gabi und Thomas.
Ich merke deutlich, dass es höchste Zeit ist, dass ich mit meinem Laden aufhöre und endlich Zeit habe für Menschen, die mir wichtig sind.
Eine sehr große Sache beschäftigt mich: Ich hatte seit langer Zeit den Eindruck, dass Gabi mit Walter nicht nur über Therapien usw. reden wollte, sondern auch darüber, dass sie höchstwahrscheinlich nicht mehr lange leben würde. Mir hat sie einmal gesagt, dass sie beim nächsten Krankenhausaufenthalt ins Marienkrankenhaus möchte, weil es dort eine Palliativstation gibt und Walter schnell bei ihr sein könnte.
Nach Gabis Tod habe ich von Walter erfahren, dass sie mit ihm nie darüber gesprochen hat.
Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Walter die kleinen Untertöne bei Gabi nicht hören wollte, weil er sie nicht verlieren und ihr immer wieder Mut machen wollte.
Es wäre sicher gut gewesen, wenn ich Walter einmal darauf angesprochen hätte. Was kann, darf, muss man in Freundschaften ansprechen?
Ich glaube Gabi wußte, dass sie nicht mehr lange leben würde, wollte aber gern weiterleben, sonst hätte sie nicht immer wieder Chemotherapie gemacht.
Romy hat bei der Fahrt zu Gabis Beerdigung einen wichtigen Satz gesagt: Gabi und Walter wollten sich gegenseitig schonen.
Trotz mancher kleinen Zwistigkeiten wusste Gabi genau, dass sie sich auf Walter verlassen konnte, das hat ihr eine große Sicherheit gegeben.
Eine Bekannte hat über meine Freundin Elke, die ein paar Wochen vor Gabi gestorben ist, gesagt: Elke ist wie ein Kamin, an dem man sich wärmen kann. Genauso habe ich auch Gabi erlebt und empfunden.
Ich erinnere mich an viele Geburtstage in Mutterstadt, bei denen es für Gabi ganz selbstverständlich war, zweimal nach Ludwigshafen zu fahren, um ihre Eltern, die Tante, den großen Hund und mich, manchmal mit Rashid oder meiner Mutter nach Hause zu bringen.
Gerne ist Gabi früher zu irakischen Festen und Veranstaltungen gegangen, war neugierig auf das vor über 30 Jahren für uns noch ungewohnte Essen, hat an der Musik Gefallen gefunden.
Wenn ich Gabi und Walter zu unseren großen Silvesterfeten, meinen Geburtstagsfeiern und Gabi zu meinen Festen nur für Frauen eingeladen habe, hat sie sich immer gefreut und liebevoll-spöttisch gesagt: Machst Du wieder einen großen Auftrieb?
Gabi war oft sehr witzig. Bevor Rashid nach dem Sturz von Saddam Hussein das erste Mal nach Bagdad gefahren ist, haben wir mehrere Verabschiedungstreffen in unserer Wohnung gemacht. Einmal waren Gabi und Walter dabei. Wir haben ein bisschen über Sprache und Begriffe erzählt. Umm heißt Mutter auf arabisch, humus Kichererbse. Da hat Gabi gesagt: Also ist Astrid „Umm elhumus“ Mutter der Kichererbse.
In den vielen Jahren als Willi und ich ums Überleben unserer Läden kämpfen mussten, habe ich Gabi, - sie war die Finanzchefin in der Familie -, öfter nach Leihgaben gefragt.
Sie hat mir immer geholfen – einmal ging es absolut nicht -, ohne mich durch Fragen oder Bemerkungen zu demütigen.
Gespräche mit Gabi über den Laden, mein Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen, meine Schwierigkeiten loszulassen und Verantwortung zu übertragen, waren für mich sehr hilfreich. In diesen Gesprächen konnte ich sehr offen sein. Gabis Wärme, Verständnis und kluge Analyse waren einfach toll und helfen mir immer noch.
Ich glaube, dass diese Fähigkeiten Gabi auch zu einer sehr guten und beliebten Kollegin und Betriebsrätin gemacht haben, das habe ich im Laden oft von Postlerinnen und Postlern – ich habe viele kennen gelernt – erfahren.
Eine wichtige Sache in Gabis und meinem Leben wollten wir immer wieder ansprechen und vertiefen und uns austauschen. Gabis Mutter war Alkoholikerin, mein Vater war Alkoholiker. Das haben wir leider nicht geschafft.
Gabi konnte sich über Kleinigkeiten riesig freuen. Als sie nach ihrer Krebserkrankung die 1.Chemo bekommen hat, entweder am 9.1. ihr Geburtstag oder am 8.3. Internationaler Frauentag, wollte ich sie erfreuen und ich habe in der Praxis Hünermund und Braun ein Körbchen mit Blumen und kleinen Leckereien für sie abgegeben. Ihre Freude war wirklich riesig.
Als ich Gabi vor ihrem letzten Geburtstag nach einem Wunsch gefragt habe, kam die Antwort: Motivation und Zuversicht.
Ich hatte wirklich einen Teebeutel, der so heißt. Dann habe ich nach einem Lesewunsch gefragt. Die etwas traurige Antwort: Ich lese immer noch gerne, aber keine langen Sachen, geht nicht mehr. Ich habe dann ein kleines Buch von Mascha Kaleko gefunden, kurze freche Gedichte über Pflanzen. Gabi war echt begeistert und ich habe mich gefreut.
Gabi hat alles sehr liebevoll und gründlich vorbereitet. Zu ihrem 60.Geburtstag hat sie meine Mutter und mich eingeladen. Gabi hat Aufsteller mit den Namen der Gäste vorbereitet und mich gefragt, wie meine Mutter mit Vornamen heißt. Für meine Mutter, schon 94 Jahre alt, war es eine große Freude in einer fremden Umgebung so persönlich empfangen zu werden.
Schön ist, dass Gabi zu meiner Geburtstagsfeier im Januar kam. Ich glaube der Abend und die Begegnung mit alten Bekannten hat ihr gut gefallen.
Ich könnte noch ganz viel schreiben über Gabi Bodenständigkeit, ihre manchmal ungeduldige, oft witzige Art beim Einkaufen in meinem Laden, Walter, der oft Bekannte getroffen hat und gern in Diskussionen und Gesprächen die Zeit vergessen hat, wieder ans Einkaufen zu erinnern.
Ich habe lange gebraucht, diese Zeilen zu schreiben. Vielleicht habe ich mehr über mich als über Gabi geschrieben. Schreiben ist mein Metier Dinge zu verarbeiten, Beziehungen zu klären, zur Ruhe zu kommen.
Meinersleben - Ludwigshafen - Mutterstadt den 7.6.2020
Astrid Reuter
Es ist der 21.Juni. Bald werden die Tage wieder kürzer. Und es ist Sonntag. Die Sonntage sind oft am Schlimmsten.
Wie jeden Tag stehe ich gegen 6 Uhr auf.
Wie jeden Tag warte ich um 6:34 auf einen Anruf. Ihren Anruf. Aus einer anderen Welt.
Ich warte darauf, dass sie mir sagt, dass sie das hier mal ausprobiert hat, wie das so ist.
Aber dass sie jetzt wiederkommt. Zu mir.
Ich soll schon mal Kaffee aufstellen und Torte holen vom Bäcker.
Zur Feier des Tages.
Der Anruf kommt wieder nicht.
Wie jeden Tag.
Ich dusche mich, ziehe mich an und gehe zum Friedhof.
Wie jeden Tag.
Es ist Anfang August. Ich sortiere Bilder. Ich will bewahren, was von unserem gemeinsamen Leben noch übrig ist: Erinnerung.
Bei RobinKruso habe ich schöne Holzkisten gefunden, in die ich all die im Speicher vergrabenen Kartons voller Fotos, Negative und Dias einsortiere und Umschlag für Umschlag mit einer Ordnungsnummer versehe.
Ich lege mir Ordner auf Gabis Rechner an und werde nach und nach alle (oder vielleicht auch nur fast alle) dieser Fotos digitalisieren.
K1-01 ist ein Briefumschlag, der diverse Schwarz-Weiss-Fotos aus der Mozartstrasse enthält. Das Hochzeitsfoto von Rudi und Gunda, Fotos von Magareta, Gabis Grossmutter in verschiedenen Lebensaltern und 4 Kinderfotos von Gabi.
3 Fotos mit Gabi auf dem Schlitten im Schnee im Richard-Wagner-Park. Schnee in Ludwigshafen war sicher schon in Gabis Jugendzeit sehr selten, inzwischen ist das fast undenkbar.
Ein 4.Foto zeigt Gabi ungefähr im selben Alter, aber ohne Schnee, in Hocke auf einem Parkweg, die den Fotografen, vermutlich ihren heißgeliebten und verehrten Vati, herausfordernd anguckt. Es sieht so aus, als suche sie den verschwundenen Schnee.
Dieses Foto tut mir weh. Schon seit Tagen.
Der Blick der Kleinen sticht mir mitten ins Herz.
Wenn mir so was passiert, habe ich dafür inzwischen ein Ritual. Am 4. und 5. April habe ich Gabi auf ihrem Rollstuhl zum letzten Mal durch den Ort gefahren.
Beides mal ungefähr auf dem gleichen Weg. Erst zum Friedhof ans Elterngrab, prüfen ob die wildbienenfreundliche Bepflanzung sich gut entwickelt, dann auf unseren künstlichen Aussichtsplatz auf dem neuen Friedhof, einen Blick Richtung Ebene und Odenwald werden, hinunter durch den Friedhof, einbiegen in die xx-Strasse, dann Bohligstrasse, Pause an der ersten Sitzbank beim Boule-Platz, dann weiter über den Platz, die Turnhallenstraße hinunter, am ehemaligen Postamt vorbei, am Cafe Elisabeth über die Ludwigstrasse, dann an der Pizzeria vorbei in die Neustadter Strasse, vorm Rathaus rechts auf den Beltzner-Platz, über den Parkplatz, den Fußweg am Altersheim entlang, über den Parkplatz Ärztehaus in Friedensstrasse, über den Seiteneingang in den alten Friedhof, dort kurzer Halt am verlogenen Kriegerdenkmal, das den von Hitler und Co. in den Tod geschickten die „ewige Dankbarkeit“ der Gemeinde verspricht, danach über die Ludwigshafener Strasse, ohne in den Schlaglöchern hängen zu bleiben, in die Bohligstrasse, entlang des „1.Mutterstadter Bürgergartens“ am Palatinum vorbei, durch die Hanfröste in den Neuweg.
Jedes mal wenn ich diesen Weg wieder abgehe, macht das den Schmerz ein wenig erträglicher.
Das Bild allerdings verfolgt mich weiter.
Ich werde es nicht los.
Was ist es, was mich so packt?
Kinderfotos, vor allem Kindermädchenfotos, zeigen oft zurecht geputzte Püppchen.
Aber hier guckt mich einfach ein selbstbewusstes, neugieriges kleines Mädchen an.
Es ist Gabi.
Die meisten Menschen meinen ja, erwachsenwerden heisse das Kind in sich zu töten.
Manche bringen es regelrecht um, andere lassen es immer mehr einschlafen.
Gabi war eine sehr reife, sehr erwachsene Frau, aber das Kind in ihr, das kleine neugierige Mädchen, war noch sehr lebendig.
Neben ihrem Bett steht jetzt ein Stuhl, über dem hängt ihr Nachthemd. Von diesem Hemd schauen 3 stilisierte Katzengesichter zu mir her. Kurz nach ihrem Tod hat mich der Schatten dieses Hemds wieder weiterschlafen lassen, nachdem ich kurz gehorcht habe auf Geräusche aus dem Nachbarzimmer, vom elektrisch verstellbaren Sessel, den sie gegen morgen aufsuchte, wenn sie die Atemnot packte.
Manchmal glaubte ich, sie, die gerade Gestorbene, zu hören.
An ihrem Schlüsselbund fürs Auto hing ein Engelchen. Jetzt habe ich kein Auto mehr, aber immer noch das Engelchen. Auf ihrer Brieftasche klebte ein Gnom.
Es ist dieses kluge, realistische, neugierige kleine Mädchen, das gleichzeitig eine starke und selbstbewusste Frau war, das mir so unendlich fehlt.
Eine heimtückische Krankheit hat sie mir genommen.
Aber es war nicht nur diese Krankheit.
Als im März die Menschen auf den Fluren des Krankenhauses von Bergamo erstickten und im Chor dazu die Trumps, Johnsons, Bolsonaros und all die weiteren Idioten dumme Sprüche abließen, da starb in ihr vor allem anderen die Hoffnung und mit ihr das kleine Mädchen.
Schon bald nach dem wir uns kennen und küssen gelernt hatten, fragte mich Gabi, ob sie mich ihren Eltern vorstellen dürfe.
Und so machte ich an einem Freitag meinen Antrittsbesuch. Gabis Großmutter lebte in einem katholischen Altersheim mitten in Ludwigshafen, das von Schwestern betrieben wurde. Immer Freitags holte sie ihr Sohn Rudi aus von dort zum gemeinsamen Abendessen.
Gunda, meine künftige Schwiegermutter und Gretel, Magarethe, Gabis Oma, hatten nicht das beste Verhältnis. Gretel hatte eisern sparen gelernt und so hatte sie ihre Schwiegertochter mal mit einem halben Pfund „gute Butter“ zu Weihnachten beschenkt.
Das Haus in der Mozartstraße 30 wirkt nach außen wie ein bescheidenes Einfamilienhaus, aber ein findiger Bauunternehmer hatte es geschafft, in diesem Haus 3 separate Wohnungen unter zu bringen.
Im Erdgeschoss wohnte damals eine alte Frau, deren Namen ich leider vergessen habe.
Sie war liebenswürdig, einsam und neugierig, deshalb entging ihr auch niemand, der das Haus betrat.
Im 1.Stock wohnte Frau Schlett, auch die „ald Schletten“ genannt, die später noch ihren eigenen Auftritt haben wird. Ihr Sohn war vor ihr durch Auswanderung in die USA geflüchtet.
Oben unter dem Dach wohnte die Familie Odermatt. Den Bauunternehmer kannte Gabis Vater Rudi aus gemeinsamer Zeit in der Marine-HJ. Deswegen und wegen der beengten Verhältnisse wohnten Odermatts sehr günstig. Außerdem verdient sich Rudi beim „Summers Willi“ (Willi Sommer), dem Bauunternehmer durch samstägliche Reparatur seiner „Speiss-“ bzw. Mörtelmaschinen das nötige Geld für sein, für einen Vorarbeiter, ziemlich teures Hobby: Das Motorbootfahren.
Die Wohnung der Odermatts bestand aus 3 Zimmern und einem Bad. Den Badeofen musste man einschüren, für Warmwasser zwischendurch gab es einen Elektroboiler.
Die 3 Zimmer bestanden aus dem Elternschlafzimmer, einem Wohnzimmer mit Fernseher und Auszieh-Couch, auf der Gabi schlief und der Küche.
In der Küche stand ein rechteckiger Tisch mit Eckbank und dem Dachfenster im Rücken.
Und an diesem Tisch fand das Familienleben statt.
Als ich als vorangemeldete Abendüberraschung mit Gabi die Küche betrat, saß ihre Oma schon in der Ecke auf der Bank und studierte ausgiebig die RHEINPFALZ, die örtliche Tageszeitung. Sie war fast unsichtbar hinter dem Blatt.
Es begann der etwas gehemmte Small-talk mit dem man sich erst mal bekannt macht.
Irgendwann in diesem Abtasten, senkte sie plötzlich ein wenig die Zeitung und nahm mich über den oberen Zeitungsrand in den Blick.
Danach stellte sie mir die entscheidende Frage des Abends:
„Sind sie eigentlich katholisch?“
Rudi fuhr seiner Mutter so über den Mund, dass ich jeder Antwort enthoben war.
Nach dem Abendessen fuhr ihr Sohn die neugierige Magarethe zurück ins Altersheim. Wobei er sie zur Strafe für ihre Neugier offensichtlich früher weg bugsierte als üblich.
Inzwischen hatte meine künftige Schwiegermutter mit ihrer Tochter getuschelt und mir wurde nun das Ergebnis der Familienberatungen verkündet:
Ich sollte hier schlafen. Mit Gabi auf der Auszieh-Couch.
Als Gabi noch in die Handelsschule ging, konnten die Kleider und Röcke nicht kurz genug sein. Gabi hatte ein Kleid, das war so kurz, dass es mittlerweile nicht mehr knapp unter, sondern stattdessen knapp über ihrem Hintern endete. Deswegen hatte sie es zum Nachthemd umfunktioniert.
Die Bettcouch war nicht sehr breit, so dass wir nur in „Löffelchen“-Stellung liegen konnten, d.h. Gabi streckte mir den Rücken zu und ich schmiegte mich an ihren Rücken und den nackten Arsch.
Umdrehen konnten wir uns nicht, aber das war auch gar nicht nötig.
Parallel zur Rabbinerin lese ich auch Eduard Bernstein „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“.
Von Bernstein behauptet man, dass er den Weg der SPD vom Erfurter Programm zum Godesberger geebnet habe.
Tatsächlich hat er das Erfurter Programm in wesentlichen Teilen geschrieben.
Er nimmt den wissenschaftlichen Sozialismus und überhaupt Wissenschaft ernst.
Es ist aber das Wesen jedes wissenschaftlichen Denkens, dass man sich fortwährend korrigieren, revidieren muss.
Der Vorwurf des Revisionismus läuft also mehr oder weniger darauf hinauf, dass Bernstein Marx als Wissenschaftler ernst nehmen wollte.
Die Mehrheit der Sozialistischen Internationale wollte aber lieber an Marx und Engels glauben, als sich in Geiste der Beiden darauf ein zu lassen, die Welt so zu begreifen, wie sie ist.
Für Epikur ist der Tod vor allem ein Problem für die Überlebenden. Sie müssen mit dem Schmerz des Verlusts fertig werden, während für die Toten alles Leiden ein Ende hat.
Dieser Trost vergisst, dass es vor dem Tod ein Sterben gibt.
Ganz allgemein sagt man ja, dass Tote keine Schmerzen mehr erleiden.
Aber ist das ein Trost?
Empfindungsfähig, leidensfähig zu sein, ist ein Zeichen unserer Lebendigkeit.
Als Kinder wollte man uns das Weinen abgewöhnen: „Ein Junge weint nicht!“.
Man hat versucht uns zu lebenden Toten zu erziehen.
Manchmal mit Erfolg.
Dabei gilt aber doch:
Ich leide, also bin ich.
Ich weine, also bin ich.
Es lässt sich mathematisch nachweisen, dass große Vogelschwärme um so weniger Verluste durch Raubvögel erleiden, je größer sie sind.
Was für Vögel gilt, galt auch für alliierte Bomberverbände, die auf dem Weg nach Stuttgart oder Schweinfurth den Rhein überqueren mussten und sich dabei für Hin- und Rückflug an der Mündung des Neckars in den Rhein trafen.
Bevor man sich auf den sehr gefährlichen Rückflug machte, versuchte man noch alle Bomben los zu werden. Und so wurde Ludwigshafen zu einer der am Meisten von Bomben zerstörten Städte in Deutschland.
Gabi ist am 9.1.1955 geboren, als sie ein Kind war, gab es in ihrem Viertel noch einige Ruinen.
Und angeblich soll die kleine Gabi, weil Ruine ein schwieriges Wort ist, Ruine immer mit einem sehr ähnlichen und auch noch anderweitig problematischen Wort verwechselt haben und so wurde aus der Ruine die „Urine“.
Die Verwechslung war eine mehrfache, denn solche Orte waren zwar gefährliche, verbotene, aber darum umso verlockendere Spielplätze. Und Muttis und natürlich auch Gabis Mutti, haben die schlechte Angewohnheit, einem, wenn man von wichtigen Spielen abgehetzt hoch zur Toilette kommt, gleich da zu behalten.
„Dein Vater kommt gleich, wasch Dir schon mal die Hände“.
Und so wurde die Ruine auch zum Urinal und neugierige Nachbarinnen hatten nichts besseres zu tun, als Klein-Gabi regelmässig zu verpetzen.
Es gibt hochnäsige Deutschlehrer, die mindestens den Untergang des Abendlands befürchten, weil, wie sie festgestellt haben, der Dativ dem Genitiv sein Tod ist.
Welcher Verfall von Sitte und Kultur!
Diese Leute waren wohl während ihres Studiums mit ihren Freundinnen zu oft in der Eisdiele, statt in der Vorlesung. Auf jeden Fall haben sie gefehlt, als es um die „Merseburger Zaubersprüche“ ging.
Der 2. Merseburger Zauberspruch beginnt mit (Quelle Wikipedia):
Phôl ende Wuodan fuorun zi holza. (A1 ; A1) dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit. (B2, o. B3 ; C2)
|
| Phol und Wotan ritten in das Gehölz. Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt. |
Odermatts hatten ein Motorboot, lange bevor Rudi sich ein Auto leisten konnte. Sonntags schnallte sich Gabis Vati eine Flasche Benzin aufs Fahrrad, fuhr ca.20KM zum Motorboot-Club an den Willersinn-Weiher, der durch Kiesbaggerei u.a. für den Westwall, entstanden war und kam von dort mit einem kleinen Motorboot zurück in den Luitpoldhafen, an die Pegeluhr, wo dann Gabi und Gunda, letztere mit gut gefülltem Picknickkorb zustiegen.
Selbstverständlich war dies für Gabi Rudi sein Boot, wie dies auch im 9.Jahrhundert schon Balders sein Fuß war.
Gabi sprach Pfälzisch, es war ihre Muttersprache.
Und im Pfälzischen gibt es keinen Genitiv.
Es heißt korrekt „dem Karl soi Auto“ oder „dem Rudi soi Motorboot“ und nicht „Karls Auto“ oder „Rudis Motorboot“.
Im Gegensatz zu manchen ahnungslosen Deutschlehrern sind Dialekte keine Verfallsformen des Hochdeutschen, sondern gewissermaßen die älteren Brüder und Schwestern.
Hochdeutsch war ursprünglich sächsische Kanzleisprache, so eine Art gemitteltes Mitteldeutsch und musste erst durch Luther und seine kraftvolle Bibelübersetzung zu einer halbwegs lebendigen Sprache gemacht werden.
Die Pfälzer, auch die gebildeten unter ihnen, sprechen hochdeutsch, wenn‘s amtlich wird und pfälzisch, wenn‘s um Liebe, Schmerz, Mutter, Vater und Heimat geht.
Und nur die ganz eingebildeten unter ihnen versuchen sich in einer Art „hochdeutsch-pfälzisch“ wie es der Kabarettist Chako Habekost als „Monnhoimerisch“ veräppelt.
Als Pfälzer Muttersprachlerin litt Gabi bis zum 8.Schuljahr sehr unter der Schule, ganz besonders unter einer auch später noch tief verhassten Lehrerin, deren Namen ich zum Glück vergessen habe.
Ihre Diktate müssen nach der Lehrer-Korrektur in leuchtendes Rot getaucht gewesen sein.
Gabi lag schon im Bett, genauer auf der Auszieh-Couch im Wohnzimmer, als das Licht anging und sie von ihrem aufgebrachten Vater eine Ohrfeige erhielt.
Sie hatte bei ihren Rechenaufgaben radiert und zwar so sehr, dass im Papier ein Loch entstanden war. Rudi hatte müde von der Arbeit noch die Hausaufgaben seiner Tochter kontrolliert und war nun aufgebracht.
Einerseits über seine Tochter, die ihre Hausaufgaben schlecht gemacht hatte, andererseits über seine Frau, die eine gewisse Wurschtigkeit an den Tag legte.
Mit der Rasierklinge wurde die lädierte Seite sorgfältig und möglichst ohne sichtbare Spuren entfernt und dann musste Gabi unter väterlicher Anleitung alles nochmal, diesmal sauber und ordentlich machen.
Rudi war Vorarbeiter in einer Fabrik für Wasser- und Wärmezahler, der Firma Pollux, die heute, nach diversen Eigentümerwechseln Sensus heisst.
1959 schrieb Adorno seine „Theorie der Halbbildung“. Er kritisiert dort, dass die Mehrheit jener Schicht, die sich gerne als „Bildungsbürgertum“ bezeichnet, Bildung als eine Art Eigentum betrachtet.
Wissen dient nicht dem Erkenntnis- sondern dem Statusgewinn.
Adorno schreibt und klingt für mich so, als habe Adorno Rudi persönlich gekannt:
„Aber der Widerspruch zwischen Bildung und Gesellschaft resultiert nicht einfach in Unbildung alten Stils, der bäuerlichen. Eher sind die ländlichen Bezirke heute Brutstätten von Halbbildung. Dort ist, nicht zuletzt dank der Massenmedien Radio und Fernsehen, die vorbürgerliche, wesentlich an der traditionellen Religion haftende Vorstellungswelt jäh zerbrochen. Sie wird verdrängt vom Geist der Kulturindustrie; das Apriori des eigentlich bürgerlichen Bildungsbegriffs jedoch, die Autonomie, hat keine Zeit gehabt, sich zu formieren. Das Bewußtsein geht unmittelbar von einer zur anderen Heteronomie über; anstelle der Autorität der Bibel tritt die des Sportplatzes, des Fernsehens und der »Wahren Geschichten«, die auf den Anspruch des Buchstäblichen, der Tatsächlichkeit diesseits der produktiven Einbildungskraft sich stützt. Das Bedrohliche darin, das sich im Reich des Hitler als weit drastischer erwies denn bloß bildungssoziologisch, ist wohl bis heute kaum recht gesehen worden. Ihm zu begegnen wäre eine dringliche Aufgabe gesellschaftlich reflektierter Kulturpolitik, wenn auch kaum die zentrale angesichts der Halbbildung. Deren Signatur bleibt zunächst bürgerlich wie die Idee der Bildung selbst. Sie trägt die Physiognomie der lower middle class. Aus ihr ist Bildung nicht einfach verschwunden, sondern schleppt sich fort vermöge der Interessen auch derer, die am Bildungsprivileg nicht teilhaben. Ein nach traditionellen Kriterien ungebildeter Radioreparateur oder Autoschlosser bedarf, um seinen Beruf ausüben zu können, mancher Kenntnisse und Fertigkeiten, die ohne alles mathematisch-naturwissenschaftliche Wissen nicht zu erwerben wären, dem übrigens, wie bereits Thorstein Veblen beobachtete, die sogenannte Unterklasse näher ist, als der akademische Hochmut sich eingesteht.“
(Theodor W.Adorno, „Theorie der Halbbildung“, Gesammelte Schriften Band 8)
Rudi war, wie gesagt, Vorarbeiter und Feinmechaniker in einer Fabrik für Wärme- und Wasserzähler. Er war der Mittelsmann zwischen Ingenieuren, die ihm erklärten, warum
viele Messvorgänge nur funktionieren konnten, weil Fertigungstoleranzen im Millimeterbereich eingehalten wurden und jenen angelernten Hausfrauen aus Sizilien oder dem Peleponnes, die froh waren, wenn sie ihn verstanden und er sie, und denen er erklären musste, dass die in jeder Küche so beliebte Masseinheit „ein wenig“ manchmal auch mit „eine Prise“ übersetzt, hier nicht galt.
Rudi saugte Wissen auf, wie ein trockener Schwamm.
So gehörte er in den 50igern/60igern zu einem lockeren Kreis um die Brüder Altig, der sich Sonntags in Willi Altigs Radladen traf. Dort scheint er auch der Radsport- und Radsporttrainerlegende Gustav Kilian begegnet zu sein.
Kilian war in dieser Runde der Guru, der Yoga und Kopfstand machte und über die Frage nachdachte, wie man durch Ernährung, aber auch mit Hilfe aller möglicher Substanzen seine Leistungsfähigkeit steigern könnte.
Heute nennt man das Doping. Rudi konnte darüber und über ein etwas apologetisches Buch von Blickensdörfer über „Salz im Kaffee“ in längere Vorträge verfallen.
Er selbst erprobte die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit schon früh, in dem er in der Zeit der Besatzungszonen von der französischen Ludwigshafener Seite des Rheins auf die amerikanische Mannheimer Seite schwamm. Um von dort mit dem Fahrrad quer durch den Odenwald ins über 300 KM entfernte fränkische Ebern zu seiner späteren Frau Gunda zu kommen.
Rudi baute, als ich ihn kennenlernte, schon mehrere Jahre an einer Yacht. Das Stahl-Chassis hatte er in Holland gekauft und mit Hilfe logistischer Hilfestellung von Club-Freunden und wohl auf Rechnung einer großen Ludwigshafener Firma, war dieses Chassis schließlich auf dem Bauhof seines Freundes aus Marine-HJ-Zeiten gekommen und Rudi verbrachte jede freie Minute beim Schiffsbau. Dabei konnte und machte er alles selbst, was er nur selbst machen konnte.
Als dieses-Stahl-Schiff später im Wasser schwamm und seine reichen Freunde mit ihren Kunststofflitzern an uns vorbei zogen, konnte er präzise erklären, worin der physikalische Unterschied zwischen einem Schiff, das wie sein PAGAN im Wasser schwimmt und einem Motorboot, das es schafft mit Leichtigkeit und viel PS auf dem Wasser zu gleiten, bestand.
Als Gunda, wegen Problemen über die noch zu Reden sein wird, in die Nervenklinik Landeck musste, trafen sie und Rudi auf den damaligen ärztlichen Direktor Haase, der Gunda „trocken legte“ und bei seinen Kollegen durchaus umstrittene Thesen über die richtige Behandlung von Depressionen vertrat. Er hielt auch Vorträge für Angehörige.
Rudi hatte sich nicht nur Vorträge von Haase angehört, sondern auch sein Buch gekauft und gelesen.
Gunda hatte eine Schwester, Gabis Tante Elsa, die in Ebern lebte und durch Röteln als kleines Kind taub geworden war. Sie galt als Sorgenkind bei ihren Brüdern und Schwestern, hatte sich aber, gerade wegen ihrer Behinderung, eine erstaunliche Empathiefähigkeit angeeignet, die es ihr gestattete ihre Mitmenschen gewissermassen zu „lesen“, auch wenn sie sie nicht hören konnte.
Elsa urteilte über Rudi: „Rudi kann alles“. Das war sicher übertrieben, aber nur ein ganz kleines bisschen.
Erwachsene verkennen oft den heiligen Ernst, der in dem liegt, was man „Kinderspiel“ nennt. So zeigt eines der schönsten Fotos, das Gabi kurz vor ihrem Tod erhielt, den kleinen Ben (3 Jahre), wie er mit der Hingabe eines versierten Landmaschinentechnikers unter seinem Spielzeugtraktor liegt und das nur durch Plastikguss angedeutete Getriebe studiert.
Wenn Gabi lieber in die Ruine pisste, als sich nach ordentlichem Toilettengang von der Mutter in der 3-Zimmer-Wohnung einsperren zu lassen, dann hatte das damit zu tun, dass die Spiele, die sie da spielten, meistens Rollenspiele nach Vorbildern aus dem Erwachsenenleben, viel zu Ernst waren, um von den seltsamen Anliegen der Erwachsenen unterbrochen zu werden.
Eine solche Unterbrechung war der laute Ruf einer Mutter: „Klausi, der Klavierlehrer kommt“.
Klausi ärgerte Gabi gern, in dem er behauptete, er habe sie nackt in der Badewanne gesehen.
Dieser Klausi musste nun sein spannendes Spiel unterbrechen, um gemeinsam mit einem wahrscheinlich genervten Lehrer das Klavier und die Tonleiter zu quälen.
Und das nur, damit eine geltungssüchtige Mutter ihrer nicht so betuchten Nachbarschaft verkünden konnte, dass man sich in ihrem Hause tatsächlich einen Klavier samt -lehrer leisten konnte.
Musikschulen in Kreisen und Städten sind sogenannte „freiwillige Leistungen“, d.h. man muss sie sich als Kommune leisten können.
Wenn man im Rahmen von Haushaltskonsolidierungen, verursacht u.a. dadurch, dass zu viele Leute ihr Schwarzgeld in die Schweiz geschafft haben, sich auf das „Notwendigste“ zu konzentrieren hat, zählt eine Musikschule definitiv nicht zum Notwendigsten, ja noch nicht einmal zum Notwendigen.
Ich bin ein kleines bisschen stolz darauf, mehrere Perioden einem Kreistag angehört zu haben, der sich eine gut aufgestellte Kreismusikschule leisten konnte und wollte.
Es ist das Beste, was man für die Klavierlehrer, die vielen Klausis, aber auch musikalisch begabte Kindern tun kann.
So wie Brecht im „Kaukasischen Kreidekreis“ fordert, dass die Kinder von den Mütterlichen erzogen werden, sollten die Musikinstrumente von den Begabten und nicht den Betuchten gespielt werden.
Als im späten 19.Jahrhundert Freud seine Theorie vom Es, Ich und Über-Ich schuf, war es allgemeine Meinung, dass vor allem das Es, dieses Tier in uns, gezähmt werden muss.
Es will ständig nur fressen, saufen, zwischendurch auf der faulen Haut liegen, vor allem aber eins: Ficken, ficken und nochmal ficken.
Heute im 21.Jahrhundert, nach Ende des schrecklichen 20.Jahrhunderts, stehen wir vor der erschütternden Tatsache, dass all‘ die Massenmörder, die dieses Jahrhundert prägten, mit bestem Gewissen gemordet haben.
Sie dienten in treuer Pflichterfüllung einem höheren Zweck: Der Befreiung der Menschheit vom jüdischen Untermenschen oder des Weltproletariats von den Kapitalisten.
Das Tier in Hitler oder Stalin hätte vielleicht noch gelegentlich Mitleid gehabt, wenn ihm ein starkes Über-Ich erlaubt hätte, überhaupt zu existieren.
Huckleberry Finn, jugendlicher Landstreicher und Mark Twains Held des gleichnamigen Romans, hat sich vor seinem gemeingefährlichen Vater auf eine einsame Insel gerettet und trifft dort eines Tages den entlaufenen Sklaven Jim.
Und sofort beginnt sich sein Über-Ich, sein Gewissen, in ihm zu regen
…..
Und später, als sie aus dem Mississippi in den Ohio gelangen wollen und Jim Freudentänze veranstaltet, ob seiner baldigen Befreiung, werden die Gewissensbisse nur noch stärker.
…….
Was ist los mit unserem Über-Ich, dass es sich in ein solch schreckliches Ungeheuer verwandeln kann?
Während das Tier in uns von Lust und Unlust getrieben wird, übersteuern wir dies mittels unseres Über-Ich durch rationale Entscheidungen.
Was aber sind rationale Entscheidungen und sind sie wirklich so rational, wie es uns scheint?
Was bedeutet in diesem Zusammenhang Hegels Unterscheidung von verständig und vernünftig?
Rational bedeutet zunächst nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass das Über-Ich und jeder, der sich rational verhält, einer Logik folgt.
Logiken sind Ketten von logischen Entscheidungen, meistens in der Form: Wenn → Dann.
Jede solche Kette hängt an einem Nagel namens Prämisse.
Wenn die Prämise lautet: „Die Juden sind unser Unglück“, dann ist das daraus folgende Verhängnis nur noch folgerichtig, sprich logisch.
Huckleberry Finns Über-Ich folgte zwei Prämissen:
1. Sklaven sind das Eigentum ihrer Besitzer
2. Das Eigentum ist heilig
Zum Glück für Jim konnte das Finn‘sche Über-Ich es mit der 2.Prämisse nie so genau nehmen, sonst wäre er mehr als einmal verhungert.
Und so freute sich das Tier Huckleberry Finn über einen Kumpel in der Einsamkeit und das lästige Gewissen wurde von ihm zu Jims Glück ignoriert.
Darüber, dass der Himmel für Marienkäfer zu klein werden kann, hatten wir schon gesprochen.
Jetzt wollen wir uns einfach mal vorstellen irgendein erfindungsreicher Dr.Frankenstein löst das Problem des Lebens und es gelingt den heute für jeden von uns unvermeidlichen Tod zu beseitigen.
Von nun an leben wir für immer.
Welchen Sinn würden in einem solchen Leben Kinder machen?
Was wäre das aber für ein Leben ohne Kinder?
Der Odenwald ist anders als der Pfälzerwald. Während im Pfälzerwald, zumindest in seiner Mitte, die Hügel bis zur Spitze und einschließlich der Hochplateaus bewaldet sind und nur in schmalen Tälern sumpfige Wiesen mit Forellenteichen und verfallenen Woog-Anlagen menschliche Bewirtschaftung verraten, unterbrochen von gelegentlich Talkesseln mit Dörfern findet man im Odenwald eine Dreiteilung: Auf den Kuppen Äcker, Wiesen und Obstanlagen, an den Hängen Wald und im Tal, vor allem im Neckartal, Dörfer und Städte, meist ins enge Tal gequetscht, mit wenig Ackerflur drumrum.
Auf alten Stichen z.B. von der Postkutschenstation Frankenstein, Zwischenstopp auf dem Weg von Frankfurt über Saarbrücken, Metz nach Paris, vom Anfang des 18.Jahrhunderts sieht man, dass der Pfälzerwald einmal ähnlich aussah, wie heute der Odenwald, mit weidenden Ziegen auf den Hängen, die vielleicht irgendwann im finsteren Jahr 1815, während sie gemächlich Brombeerhecken kauten, eine Kutsche sahen, die den jungen Lord Byron und seine Begleiter, das Ehepaar Shelley zur nächsten Station ihrer Bildungsreise brachte. Vielleicht kamen sie auch bei Mondschein durchs Tal, die Burg kann dann sehr verwunschen aussehen.
Es waren erst die bayrischen Förster, die ab 1816 den Pfälzerwald so grundlegend veränderten.
Aber zurück in den Odenwald nach Mörtelstein.
Mörtelstein ist ein Ortsteil von Obrigheim am Neckar.
Oberhalb von Mörtelstein, dort wo die Ackerflur in einen bewaldeten und verbuschten Abhang übergeht, liegt die Mörtelsteiner Hütte der DPG bzw. VERDI-Jugend.
Früher konnte man von der Terasse hinter der Hütte bis ins Tal nach Obrigheim blicken und sah dann Deutschlands ältestes Atomkraftwerk malerisch in einer Neckarschleife liegen.
Heute ist diese Aussicht zugewachsen.
Das Atomkraftwerk ist abgestellt, aber es liegt trotzdem noch immer so breit und besitzergreifend da, als sollte es schon morgen wieder anfahren.
Kommt man näher, sieht man allerdings blaue Abfallcontainer.
Die Hütte gehörte damals der Jugend im Bezirk Nordbaden-Pfalz der Deutschen Postgewerkschaft und heute einem Förderverein aus ehemaligen Mitgliedern der Postgewerkschaft, die so die Hütte vorm Untergang im großen Gemischtwarenladen VER.DI gerettet haben.
Diese Hütte war einmal im Jahr Ort des Bezirksjugendtreffens.
Der „Bezirk“ reichte von Lauda-Königshofen im Osten bis Kusel im Westen, von Heidelberg bis Kaiserslautern und von Mannheim bis Karlsruhe.
Und die Jugendlichen, die sich da trafen, waren Auszubildende bei der großen Deutschen Bundespost, dem nach der Beschäftigtenzahl größten bundesdeutschen Unternehmen.
Sie lernten Briefträger, Fernmelder oder Schalterbeamte und sie waren das, was man in den 70iger/80iger Jahren „alternativ“ nannte. Diese Hütte war in den späten 60igern/frühen 70igern von jungen GewerkschafterInnen gegründet worden, deren führender Kopf der spätere Jugendleiter Jürgen Fotsch war, um genau diesem „alternativen“ Leben einen Raum zu schaffen, einen Raum, der frei war von der Intervention Erwachsener, die einem gern erklärten, dass es „unter Adolf“ so was nicht gegeben hätte.
Als Gabi von der Akademie der Arbeit kam, hatte sie, schon wegen ihres Verlobten, keine Chance auf eine Karriere als Gewerkschaftssekretärin, aber gerade deswegen war sie die Favoritin von Jürgen Fotsch für seine Nachfolgerin als Bezirksjugendleiterin.
Jürgen starb ein Jahr vor Gabi.
Gabi hat damals versucht einen Nachruf zu schreiben, um ihn an Jürgens Frau zu schicken.
Ich weiss nicht, ob sie ihn je abgeschickt hat.
Ich fand ihn in ihren Unterlagen nach ihrem Tod:
„Liebe Ingrid,
auch von mir mein aufrichtiges Beileid. Wir hatten zwar seit Jahren keinen Kontakt, trotzdem ist Jürgen, unter einigen anderen, mit daran „Schuld“ dass ich immer noch eine politische Frau bin. Ich erinnere mich gerne an die Diskussionen ob die Gewerkschaften Gegenmacht oder Gestaltungsfaktor der Gesellschaft sind; und ein bißchen haben wir alle unseren Marsch in die Institutionen absolviert.“
Wer Gabi gekannt hat, vor allem die Gabi, die souverän, stark und selbstbewusst sich nicht die Butter von Brot nehmen lies, spürt hier eine resignative Verzagtheit.
„...ein bißchen haben wir alle unseren Marsch in die Institutionen absolviert.“
In der Tat, aus der „Gegenmacht“ wurde „Co-Managment“ und bei diesem anderen Wort für Kungeln war Gabi eher im Weg.
Wenn man die Welt von heute aus der Perspektive der Hoffnungen betrachtet, für die Gabi und ihre MitstreiterInnen in Mörtelstein voller Leidenschaft unterwegs waren, ist die Bilanz ziemlich gemischt.
Zwar ist dort, wo einmal das AKW Obrigheim strahlte und den „Strom aus der Steckdose“ produzierte, heute eine rückzubauende Ruine früherer Selbstüberschätzung, der Atomkrieg ist dank Gorbatschow und 1989 unwahrscheinlicher geworden, auch wenn Trump und Putin sich alle Mühe geben, die Welt wieder gefährlicher zu machen , aber das große Staatsunternehmen Deutsche Bundespost wurde nicht in ein modernes, dem Gemeinwohl und allen BürgerInnen verpflichtetes Dienstleistungsunternehmen umgewandelt, wovon auf Mörtelstein geträumt wurde, sondern stattdessen in private AGs zerschlagen.
Der Anspruch eine solidarischere Welt zu bauen, ging damit ein Stück weit unter.
Natürlich soll man die Hoffnung nie aufgeben und gerade die „Corona-Zeit“ in der Gabi starb, zeigt uns ja, warum wir diese solidarische Welt dringender denn je brauchen.
Als sie mich Wochen vor ihrem Tod entsetzt und entgeistert fragte: „Wo soll das alles hinführen?“ und ich meine Hoffnung äußerte, das wir vielleicht am Ende dieser Krise eine solidarischere Welt bekommen könnten, sah sie mich sehr mitleidig an, nach dem Motto: Träum ruhig weiter, mir hat das Leben meine Träume und Hoffnungen geraubt.
Unser Weg nach Mörtelstein führte uns fast immer nach Mannheim, von dort nach Heidelberg und entweder weiter durchs Neckartal bis Neckargerach oder durch Bammental Richtung Aglasterhausen.
Bevor man von Aglasterhausen aus in den Ortsteil Mörtelstein kommt, fährt man auf Feldwegen zur Mörtelsteiner Hütte. Man muss dabei dem Schild VERDI-Jugend folgen.
Joachim Schukowski, genannt „Schuko“, war Jugendvertreter und einer jener jungen Männer, deren Wesen und Gang so von Kraft geprägt ist, dass man ihnen sofort zurufen möchte: Da vorne steht das Klavier, Du könntest es mal schnell in den 3.Stock tragen.
Frauen mögen das, - manchmal-, und Schuko war, so kann ich es vermuten, kein Kostverächter.
Aber Schuko war auch gewitzt. Wenn wir mal beim Beispiel mit dem Klavier bleiben, dann verstand er es meisterhaft, wie Tom Sawyer beim Zaunstreichen, anderen das Gefühl zu geben, sie täten jetzt etwas ganz Großartiges, wenn sie machen, was er sagt.
Er hätte Yammi , Harald Jammitzki,seinem Stellvetreter und der restlichen Jugendvertretung, sowie dem OJA, dem gewerkschaftlichen Ortsjugendausschuss, bestimmt die politische und gesellschaftliche Bedeutung eines Klaviers im 3.Stock erklärt und zurückhaltend wie er war, den Anderen das Schleppen überlassen, während er seiner Verantwortung durch das rechtzeitige Geben von Kommandos gerecht geworden wäre.
Jener Schuko hatte nun verkündet und auch einen entsprechenden Beschluss im BJA (Bezirksjugendausschuss), dessen Vorsitzende Gabi war, durchgesetzt, dass beim diesjährigen Jugendtreffen in Mörtelstein der berühmte Monthy Python Film „Das Leben des Brian“ gezeigt wird.
Den Film besorgen war für die „Karlsruher“ kein Problem, auch ein Video-Rekorder war bald aufgetrieben.
Schwieriger war das mit Fernseher.
Aber da man Beschlüsse auch deswegen fasst, damit man am Schluss eine oder einen Schuldigen hat, wenn‘s nichts wird, sah Schuko darin nicht sein Problem.
Auf diesem Stand etwa war die interne Auseinandersetzung, in die ich nicht wirklich involviert war, als wir, Gabi und ich, für Mörtelstein die Sachen packten.
Ich erhielt die Order unseren tragbaren Schwarz-Weiss-Kofferfernseher einzupacken, das einzige Fernsehgerät, das wir damals überhaupt besaßen.
In Mörtelstein rückte der „Monthy-Python-Abend“ näher und rechtzeitig zum Treffen hatte auch die Schafskälte mit Regen eingesetzt, so dass mitten im Sommer Glühwein ausgeschenkt wurde und der einzige verfügbare Fernseher war unserer.
So kam es dann, dass eine ganze ausgelassene Meute Gewerkschaftsjugendlicher auf einem viel zu kleinen Fernseher „Das Leben des Bryan“ guckte.
„Zur Steinigung bitte nach links, jeder nur einen Stein……“
Gabi mochte übrigens den Film nicht so besonders. Er spielt im Palästina der Zeitenwende und persifliert die radikale Linke der 70iger-80iger, beides übrigens mit einer Kenntnis der Zeitumstände, die weit über das normale Maß hinausgeht.
Allerdings auch mit der bitteren Erkenntnis, dass sich an der Bereitschaft der Massen, gerade wenn sie in Aufruhr geraten, zum schnellen Steinigen oder Kreuzigen ihrer Mitmenschen in 2000 Jahren wenig geändert hat.
Als 14 jähriger zog es mich zur außerparlamentarischen Opposition. Einer der „kritischen“ Sprüche, die wir so drauf hatten, lautete „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie schon längst verboten“.
Dann kam der Herbst 1969 und zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte bekamen wir eine neue Regierung und vor allem einen neuen Bundeskanzler auf Grund von Wahlen.
Und dieser neue Kanzler versprach ein umfangreiches soziales Reformprojekt und stellte es unter das Motto: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“.
Als dies geschah, war Gabi 14 Jahre alt und der angekündigte gesellschaftliche Aufbruch wurde auch zu ihrer Sache.
So kam sie zur Gewerkschaft.
Unter den Trauerkarten, die mich nach Gabis Tod erreichten, gibt es auch diese:
„Lieber Walter Altvater
Erschüttert habe ich die Nachricht gelesen, daß Gabi allzufrüh verstorben ist und zuvor auch schwer krank war.
In ihrem ganzen Berufsleben hat sie sich für die Kollegenschaft eingesetzt und für die Berufspolitik gelebt.
Leider mußte sie auch zusehen, wie die Arbeit der Kolleginnen sich veränderte und unsere Ausbildung nicht mehr wertgeschätzt war.
Wir hatten dem politisch gewollten Abbau nichts mehr entgegen zu setzen.
Vielleicht hat diese Erkenntnis auch einen Teil ihres Lebenswillens geraubt.
Wir danken ihr für ihren Einsatz.
Dir wünsche ich die Kraft allein weiter zu leben und Dich an schöne gemeinsame Stunden dankbar zu erinnern.
Ute W.“
Eigentlich kann man einem Menschen schwerer etwas schlimmeres antun, als ihr, die ihr zustehende, die jedem Menschen zustehende, Wertschätzung zu verweigern.
Ute war Beamtin, auch ihr Mann war Beamter und überdies ehrenamtlicher Funktionär in der Postgewerkschaft. Wir mir Gabi erklärt hat, gab es in der Familie W. zwischen Ute und ihrem Mann auch Spannungen, weil Ute die Tüchtigere und Besserverdienende der beiden war.
Ute fühlte sich mit ihrer Ausbildung nicht mehr wertgeschätzt, weil sie eine qualifizierte Beamtin des gehobenen Dienstes war.
Jedes Unternehmen braucht eine Art untere Leitungsebene. Das sind dann die, die den Laden eigentlich am Laufen halten, die die Details kennen, auf die es ankommt und die auch bereit und in der Lage sind, die gröbsten Dummheiten höherer Leitungsebenen, bis hin zum „Top-Managment“ ins Leere laufen zu lassen.
In der alten Post, die im aus den 3 Teilen: der „Beutelpost“, wie Gabi ihre Sparte scherzhaft bezeichnete, den Fernmeldern und der Postbank bestand, waren Beamte und Beamtinnen des gehobenen Dienstes, also Menschen wie Ute, diese Leitungsebene.
Die „alte Post“ leistete sich den „Luxus“ ihre künftigen Briefträger und Paketfahrer als „Postjungboten“ aus zu bilden. Das mag man für überflüssig halten, denn was muss man in diesem Beruf schon können, ausser laufen, autofahren, lesen und schreiben.
Aber wir wissen ja inzwischen hoffentlich alle, dass es Millionen Menschen in unserem Land gibt, die trotz Schulpflicht eben nicht lesen und schreiben können.
Nach Ende der Ausbildung der Postjungboten bemühte sich die Gewerkschaft jedes Jahr, sie zu überreden in ein Angestelltenverhältnis zu gehen, während ihnen das „Amt“ den Beamtenstatus „schmackhaft“ machte.
Der Grund war einfach: Die einen wollten streikfähig sein und die anderen sich die Kosten der Sozialversicherung sparen.
Bekanntlich war „Hartz IV“ die Notbremse, die die Schröder-Regierung zog um den endgültigen Bankrott der Sozialversicherung nach ihrer erfolgreichen Plünderung durch Deutschlands Großkonzerne zu verhindern.
Personalabbau in großem Stil wurde so von der Allgemeinheit finanziert.
Allerdings wird dieser Raubzug noch übertroffen, von der Plünderung der Staatskassen durch die neugeschaffenen Privatkonzerne „Deutsche Telekom“ und „Deutsche Post DHL“.
Das Zauberwort heißt „Beamter in der AG“. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Beschäftigten der „alten Post“ waren Beamte. Ihre Übernahme in eine private AG als Angestellte hätte die Zahlung gewaltiger Summen zur Nachversicherung an die Rentenversicherung zur Folge gehabt.
Dadurch wäre aber aus dem „Privatisierungsgewinn“ des Staates sehr wahrscheinlich ein „Privatisierungsverlust“ geworden.
Die Lösung: Schaffung einer staatlichen „Anstalt“. Dort sind alle „Beamten in der AG“ beschäftigt und werden von dort an die private AG ausgeliehen.
Damit bleibt der Staat in der Verantwortung seine Beamten bis ans Lebensende zu „alimentieren“, während die private AG nur einen Teil der dadurch entstehenden Kosten deckt.
Der Gipfel, in beinahe jeder Hinsicht, dieser Praxis ist die „In-sich-Beurlaubung“.
Ein Beamter wird von der „Anstalt“ vorübergehend vom Beamtenverhältnis beurlaubt und erhält von der privaten AG einen freien Vertrag, der üblicherweise deutlich höher ist als derTarif. Durch die Beurlaubung behält unser Beamter, unsere Beamtin aber seine Pensionsansprüche und genießt am Ende die Vorteile beider Welten:
Das höhere Verdienst in der aktiven Zeit und die höhere Pension später.
Dass Gabi sich nicht für die „In-sich-Beurlaubung“ ihrer freigestellten Betriebsräte einsetzte, spielte am Ende bei ihrer Abwahl eine entscheidende Rolle.
Nun darf hier aber nicht der Eindruck entstehen, als hätte die „alte Post“ nicht wesentliche strukturelle Defizite gehabt.
Das Wichtigste: Die Post, das größte Unternehmen der alten BRD hatte keine doppelte Buchführung. Das klingt unglaublich und ist es im Grunde auch. Schließlich wurde die Buchhaltung bereits im 14.Jahrhundert in Florenz erfunden und der Sinn dieser Erfindung war es auch bei großen und weit verzweigten wirtschaftlichen Aktivitäten den Überblick zu behalten.
Bei der Post bediente man sich der „Kameralistik“, d.h. einer ziemlich simplen Einnahme-Ausgabe-Rechnung, bei der man zwar genau weis, wer die Auszahlung eines bestimmten Betrags angeordnet hat, bei der es aber nicht möglich ist, genauere Aussagen darüber zu machen, ob sich eine bestimmte geschäftliche Aktivität rentiert oder ob sie nur Kosten verursacht und wenn ja, wieviel.
Genau genommen kennt man nur Einnahmen und Ausgaben. Diese werden aber erst dann zu Kosten oder Erträgen, wenn man sie periodengerecht den entsprechenden geschäftlichen Aktivitäten zuordnet.
An diesem Punkt erklären mir altgediente Postmitarbeiter gerne: „Die Post hat, solange sie staatlich war immer Gewinn ans Ministerium abgeliefert.“
Das bestreite ich gar nicht. Auf Grund des mangelhaften Rechnungswesens konnte sie aber nicht wissen, woher dieser Gewinn kam.
Ein solcher Mangel lässt sich aber problemlos durch die Einführung eines funktionierenden Rechnungswesens beseitigen und zwar auch dann, wenn das Unternehmen staatlich bleibt und nicht privatwirtschaftlich organisiert ist.
Die „alte Post“ bestand mehr oder weniger aus 3 Teilen: Einem Logistik-Unternehmen, dass Briefe und Pakete an jede x-beliebige Adresse bringt, einem Unternehmen, dass in jeden Haushalt mit Telefonkabel verlegt und einer Bank, die als Jedermann-Bank positioniert war.
Sowohl bei der Transport-Logistik, als auch beim Kabel handelt es sich dabei um sogenannte „natürliche Monopole“. Es macht keinen Sinn in jeden Haushalt statt einem 5 Kabel zu verlegen und es macht volkswirtschaftlich auch keinen Sinn, auch wenn das heute so praktiziert wird, wenn mir von 5 verschiedenen Logistikern 5 Pakete geliefert werden, am besten noch am selben Tag und kurz hintereinander.
Die einzige Art von „Konkurrenz“ die hier stattfindet, ist die um die Weltmeisterschaft im Lohndrücken.
Bei den Fernmeldediensten ist die Lage komplizierter und zwar deswegen, weil hier zum Zeitpunkt der Privatisierung ein technologischer Umbruch ins Haus stand und weil man politisch den Fernmeldeämtern als Behörden nicht zutraute, diesen Wandel zu bewältigen.
Wenn man sich aber die heutige Situation in Deutschland anguckt, dann hat, entgegen aller Sprüche und trotz oder wegen privatwirtschaftlicher Konkurrenz, sowohl unser Leitungs- als auch unser Mobilfunknetz nicht die Qualität die wir volkswirtschaftlich angesichts der Digitalisierung brauchen.
Ich kann nicht behaupten, dass die Fernmeldeämter das besser hinbekommen hätten. Dafür fehlt mir jeder Beweis.
Aber dafür, dass der Markt es nicht richtet, gibt es mittlerweile den praktischen Beweis.
Zumal es von ökonomischem Unverstand zeugt, wenn man in Bereichen natürlicher Monopole und öffentlicher Daseinsvorsorge das hohe Lied des Marktes singt.
Gabi war ein sehr solidarischer Mensch und ihr Ziel war es einer solidarischeren Welt auch und gerade dort näher zu kommen, wo sie Verantwortung trug und gestalten konnte.
Sie musste deswegen scheitern und ihr Scheitern hat fast etwas von einer klassischen Tragödie.
Als Gabi 1978 sowohl zur Bezirksjugendleiterin als auch in den Bundesjugendausschuss der Deutschen Postgewerkschaft gewählt wurde, waren dies zwar Ehrenämter, aber keine, die sich mit der Tätigkeit eines normalen Schalterbeamten vertrugen.
Schon die Tatsache, dass die meisten Termine Samstags/Sonntags waren, sorgte für ständigen Konflikt, denn Schalterbeamte arbeiteten normalerweise samstags.
Die Post war damals das größte Unternehmen in der BRD mit ca.500.000 Beschäftigten.
Diese teilten sich in zwei große Teilbereiche: Einerseits die Paket- und Briefzustellung (die „Beutelpost“ in Gabis Worten) und andererseits die Fernmelder für Telefon und Telegrafie.
Wie bei allen große Unternehmen gab es damals auch Abteilungen für „Fußkranke“, die zwar offiziell nicht so hießen, aber jeder wusste, was gemeint war.
Heute haben mehrere Generationen von „Kostenoptimierern“ die „Minderleister“ schon, koste es, was es wolle, aus dem Unternehmen gedrängt.
Wobei man „koste es, was es wolle“ durchaus wörtlich nehmen muss, denn die Unternehmen zahlen lieber Geld, dafür dass sie ihre gesetzlich vorgeschriebene Quote von Behinderten nicht beschäftigen, als dass sie Arbeitsplätze für diese Menschen zur Verfügung stellen.
Gabi war also durch ihr Ehrenamt zur „Minderleisterin“ geworden.
Jeder, der trotz anderslautender Empfehlungen in „aller Freundschaft“, bei der freiwilligen Feuerwehr, dem „Roten Kreuz“, in Sport- und anderen Vereinen oder gar im Gemeinderat oder Kreistag oder bei der Gewerkschaft aktiv ist, kennt das Problem.
Zwar verhindern hier und da gesetzliche Hürden, dass man sich dieser „Minderleister“ so einfach entledigen kann, aber steter Tropfen höhlt den Stein.
1978 wechselte Gabi vom Schalter in die Hausverwaltung.
Es waren noch andere Zeiten und der Personalrat und die DPG hatten das in die Wege geleitet.
Eigentlich hieß August ja Fritz. Fritz wie sein Vater, der der Nazi-Bürgermeister in Grünstadt gewesen war. Irgendwann nannte ihn nur noch seine Mutter Fritz. Er hatte seinen zweiten Namen zu seinem ersten gemacht. Vermutlich war es seine Art sich von dem väterlichen Erbe zu befreien.
Gust war eine Art Vater für Gabi.
Es gibt ein schwarz-weiss Foto von Gabi und Gust. Gabi noch als PassAw (Schalterbeamtin in Ausbildung) und Jugendvertreterin kess im kurzen Rock in mitten gestandener älterer Herren, vermutlich Gewerkschaftern an einem Kongressabend und neben ihr mit Schnauzbart August Lehn, erkennbar väterlicher Freund und Beschützer.
In Gabi Nachlass gab es aus dem Jahr 69 eine Art Journal des Personalrats. Mit Datum stand da
Gust als Personalrat + Personalratsvorsitzender
Der Personalrat als Ort, an dem einem geholfen wird.
Gust als „Chef“ der Freundschaft „Burgund-Neustadt“
Gusts Tod
Gabis Trauerrede.
Ich bin aus Seebach.
Seebach ist heute ein Stadtteil von Bad Dürkheim und bildete früher zusammen mit Grethen, offiziell Sankt Magarethen, ein Dorf mit eigenem Bürgermeister und Standesamt.
Und weil dieses Standesamt in „Grere“ lag, deswegen gibt es auch einen Waldpfad den von Grethen aus den Berg hoch, der „Hochzeitspfad“ heißt.
Nach den Erzählungen meiner Grethener Großmutter waren Seebach, Grethen und das Grethen benachbarte Hardenburg früher die Heimat ziemlich armer Leute, die Männer arbeiteten im Steinbruch und starben oft schon mit 30 oder 40 an Staublunge und am Suff und die Frauen schätzten sich glücklich, wenn sie eine Ziege hatten, mit der sie ihre Kinder ernähren konnten.
Traditionell ernährten sich die Seebacher wie die Grethener aus dem Wald, aber der Wald gehörte irgendwann im 19 Jahrhundert den Dürkheimern und die ließen ihn von Förstern gut bewachen. Es war deswegen Familientradition, dass man beim vom Förster erlaubten „Stressel hole“ (Laub aus dem Wald als Einstreu für das Vieh) sich illegal „en Derre“ als Brennholz aus dem Wald mitnahm.
„Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein“
Nun sind die Kiefernwälder am Hardtrand, bei denen die Bäume auf dem mageren Sand Jahrzehnte brauchen, um überhaupt von uns als Bäume erkannt und akzeptiert zu werden, alles andere als schwarz.
Und die schwarzen Wälder des Schwarzwalds verdanken sich dem Holzhunger der Holländer, die schon sehr früh diesen „ursprünglichen“ Wald in eine Holzplantage verwandelnden.
Vor allem aber, und das ist für unsere Geschichte das Entscheidende, gingen die Seebacher nicht in die Stadt, sondern die Stadt kam zu ihnen.
Wir hatten lange keinen Fernseher, und Käpt‘n Blaubär war noch nicht erfunden, aber mein Vater hatte die Angewohnheit mit schelmischem Grinsen mir einen Bären aufzubinden und sich daran zu freuen, wenn ich diesen Unsinn empört zurück wies.
Als in den frühen 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Autos mit MA wie Mannheim oder LU wie Ludwigshafen, Autos, die zu den „3 Eichen“ bzw. ins Naturfreundehaus Eppental oder das Forsthaus „Kehrdichanichts“ wollten, vor unserer Haustür stauten, erklärte er mir in vollem Ernst die „Städter“ hätten in Mannheim oder Ludwigshafen Karten für den Wald erstanden und müssten die nun „knipsen“ lassen, denn nächste Woche seien sie nicht mehr gültig. Das Knipsen erfolge an den Schlagbäumen, die überall im Wald die Wege absperren.
Natürlich habe ich sofort heftig gegen diese Geschichte protestiert. Aber manchmal, in den letzten Jahren, befanden wir, Gabi und ich, uns plötzlich in einem „erhöhten“ Verkehrsaufkommen, wenn wir im frühen Frühjahr oder späten Herbst bei sonnigem Wetter Richtung Seebach unterwegs waren und ich habe Gabi dann erklärt, dass bestimmt die Mannheimer wieder Karten für den Pfälzer Wald gekauft hatten.
Dem Sonntagsausflug folgte das Wochenendgrundstück und dem Wochenendgrundstück die Villa, in den 60iger-70iger Jahren manchmal auch mit dazu passendem Atomschutzbunker.
Heute ist die Stadt in Seebach angekommen und Seebach ist eine bevorzugte Wohngegend für wohlhabendere Bürger der Metropolregion, mit lukrativen Jobs bei der BASF, bei Roche, bei Benz oder bei der SAP.
Als Gabi und ich uns kennenlernten, träumte sie ein paar Jahre auch davon, mit mir aus dem dreckigen Ludwigshafen ins saubere Seebach zu ziehen.
Ich wollte nicht.
Als Kind bekam ich von Zeit zu Zeit Asthma-Anfälle. Das wurde besser, als ich Seebach verließ.
Heute weiß ich warum.
In den Städten entsteht z.B. durch Autoabgase Ozon. Dieses Ozon zieht aus der Ebene an den Hardtrand, zu den Waldrändern und schädigt dort die Bäume und die Lungen der Menschen, die dort wohnen.
So war es besser für mich Seebach immer mal wieder zu besuchen, als dort zu wohnen.
Meine Mutter hatte eine ganz besondere Art Russische Eier zu machen.
Ähnlich wie „Toast Hawai“ waren Russische Eier mit Kartoffelsalat ein typisches Nachkriegsessen, fett genug um den noch nicht vergessenen Hunger wett zu machen.
Aber die Russischen Eier meiner Mutter waren anders.
Ihr oberstes Prinzip beim Kochen hieß: Es darf nichts vorschmecken. Sie sparte nicht an Gewürzen, aber am Schluss musste das Ergebnis nach vielem Abschmecken ausbalanciert sein.
Und natürlich machte sie die Mayonnaise selbst, mit Senf, Salz, Paprika und Öl aus dem Reformhaus.
Das eigentliche Geheimnis war aber, dass sie das Eigelb mit Hilfe von Senf, Salz und Gewürzen zu einer feinen Paste verarbeitete.
Die wurden dann wieder in die Eier gefüllt, mit einem dezenten Klacks Mayonnaise aus dem Spritzbeutel verziert. Ein paar schwarze Pünktchen Fischroggen aus Kaviarersatz und fertig!
Zu entsprechenden Anlässen fertigte sie Russische Eier und Kartoffelsalat in Mengen, die auch einem Wirtshaus zur Ehre gereicht hätten.
Ein solcher Anlass war Seebacher Kerwe.
Bei diesem Anlass traf sich schon in meiner Kindheit die weitläufige Verwandtschaft beider Seiten bei Tante Sofie und Onkel Hans.
Mein Vater war allerdings bereits 1974 mit 57 Jahren an Krebs gestorben.
Meine Mutter war 3 Jahre jünger als mein Vater. 1976, im Jahr in dem diese Geschichte spielt, war sie somit 56 Jahre alt.
Mein jüngerer Bruder hatte mit noch nicht mal 18 Jahren 1974 den Winzerbetrieb meines Vaters übernommen und war so viel früher als er das gewollt und erträumt hatte, zum „Hausherrn“ avanciert.
Ich war zwar der ältere Bruder, aber erst das „Wunderkind“ und dann das „Sorgenkind“.
In jenen siebziger Jahren konnte es schon mal passieren, dass mich die eine oder andere wohlmeinende Tante besorgt beiseite nahm, um sich ganz im Vertrauen von mir versichern zu lassen, dass ich tatsächlich mit der als RAF abgekürzten „Rote Armee Fraktion“ nichts am Hut hätte.
Offensichtlich war mein Bruder mit der ihm zugewiesenen Rolle als neuer „Onkel Hans“ nicht wirklich einverstanden, denn er kredenzte meinen Onkeln, - die größtenteils Winzer und Mitglied der gleichen Genossenschaft waren und durchaus in der Lage waren bei einem Wein mehr zu schmecken als rot oder weiss -, ganz konsequent den „Mitgliederwein“ eben jener Genossenschaft, der vor allem für jene Genossenschaftsmitglieder gedacht war, die aus welchem Grund auch immer, einen grösseren Eigenbedarf preiswert decken wollten und denen deswegen die Unterscheidung in „rot“ und „weiss“ vollauf genügte.
Ich habe ihn nie danach gefragt, aber vermutlich dachte er sich, dass alle die Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen Geld genug hatten sich einen edleren Tropfen auf eigene Rechnung zu leisten.
Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich meine Gabi kennengelernt hatte, hat sie sofort beschlossen, dass Gabi selbstverständlich an der „Seebacher Kerwe“ erscheinen sollte.
Meine Mutter wirkte zwar sehr zart und verletzlich, aber sie war auch zäh und konnte, wenn sie etwas wirklich wollte, auf eine sanfte Art sehr bestimmt sein.
Gabi musste daher kommen.
Natürlich fand Gabis Auftritt sofort die allergrößte Aufmerksamkeit.
Und dass ich mit dieser Frau in Seebach auftauchte, hätte, wenn es in Seebach üblich wäre, dass man Hämmel schlachtet, sofort dazu geführt, dass man einen geschlachtet hätte um die Rückkehr des verlorenen Sohns zu feiern.
Was war geschehen?
Je mehr ich darüber nachdenke, desto schwerer wird es mir, die richtige Antwort zu finden.
Ein französischer Soziologe, Bourdieu, hat die These vertreten, dass wir durch die Art, wie wir sind, unsere soziale Herkunft „verraten“.
Gabi war, auch als Schalterbeamtin, immer die Tochter eines Ludwigshafener Vorarbeiters aus dem Hemshof und sie war das mit Stolz und Selbstbewußtsein, auch wenn sich hinter beidem durchaus die eine oder andere Unsicherheit versteckte.
Am nächsten Tag, einem Montag, waren zahlreiche Tanten zum Nachmittagskaffee eingeladen. Gabi musste arbeiten und würde nach Feierabend kommen, ich war Student.
Ich saß beim Kaffee neben Tante Frieda.
Als ich ein kleiner Junge war, war sie meine Lieblingstante. Sie kam meist sonntags, nach dem Mittagessen, vor dem Kaffee, packte fröhlich ein bisschen mit an und machte Faxen und Blödsinn mit ihrem „Wawawasch“.
Das Wort war Babysprache und sollte „Walter“ heißen und mir ist nicht recht klar, ob ich oder mein Cousin es erfunden hat.
Irgendwann kam sie nicht mehr und ich fühlte mich von ihr im Stich gelassen und verraten.
Die Erwachsenen raunten irgendwas von schwerer Krankheit.
Heute weiß ich, dass sie wegen ihrer Schizophrenie in einer Anstalt war.
Irgendwann kam sie zwar wieder, aber nicht mehr zu ihrem „Wawawasch“.
Tante Frieda hatte 7 Geschwister, 2 Onkel und 5 Tanten.
Ihr Vater war der Bruder meines Großvaters. Sie waren beide Winzer, aber nicht so reich, dass sie kein Zubrot benötigten.
Deswegen fuhren sie Wein für die Winzergenossenschaft. Nach Mannheim. Dort versoffen und verhurten sie dann regelmässig einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Zuverdienstes.
Für die Heimfahrt mussten sie sich am Kutschbock festbinden. Die Pferde fanden zwar den Weg zum heimischen Stall alleine, eine Art frühes „autonomes Fahren“, aber dabei nahmen sie keine Rücksicht darauf, dass der Kutscher vom Bock fallen konnte.
4 der 5 Schwestern wurde das spätere Heiraten auch dadurch verleitet, dass die älteste Schwester im Kindbett starb und ihr Mann im Krieg fiel.
Unter ihren Schwestern war Tante Frieda eine Stadtschönheit gewesen, die es sogar auf ein regional bekanntes „Winzerin füllt Trauben in die Logel“-Foto im 30iger Jahre Stil gebracht hatte.
Tante Frieda gratulierte mir nun beim Kaffee zu meiner Gabi mit der Bemerkung, sie habe gesunde Zähne, ein ganz hervorragendes Gebiss.
Ich wusste in dem Moment, als sie das sagte, dass sie eigentlich nur ihrem „Wawawasch“ zu seiner tollen Frau gratulieren wollte, aber Gabi war, als ich ihr dummerweise von diesem „Kompliment“ erzählte, sehr erzürnt darüber, weil sie sich als Zuchtstute taxiert fühlte.
Meine Mutter hieß Sofie, genau wie ihre Mutter und deren Mutter, auch die Mutter ihres Vaters hatte Sofie geheißen und war die „Gaade-Petern“ (Garten-Peter, Peter war der Familienname) gewesen, weil sie in ihrem fruchtbaren Bachgarten, über den heute die neue Strasse geht, Gemüse gepflanzt und verkauft hatte und dadurch unabhängig war von ihrem Mann und dem was er ihr als Haushaltsgeld zuteilte.
Bei soviel Sofies war es kein Wunder, dass meine Grossmutter, Sofie die Ältere, einen anderen Namen für ihre Tochter wollte, Sofie sollte Elisabeth heissen.
Grethen und Seebach sind heute Vororte von Bad Dürkheim und bildeten damals eine Gemeinde, bei der sich das Standesamt in Grethen im Schulhaus befand.
Mein Großvater kam schließlich, nachdem er sich Mut angetrunken hatte, die paar Schritte vom Standesamt zurück und erklärte, dass er, im Andenken an seine Mutter, als Namen Sofie Elisabeth hatte eintragen lassen.
Diese Geschichte war meiner Mutter sehr wichtig, denn meine Großmutter war alles in allem nicht zu sehr gesegnet mit Zartgefühl und so machte sie keinen Hehl daraus, dass diese Sofie als Nachkömmling ungeplant war.
So fühlte sich meine Mutter hauptsächlich von ihrem Vater gewollt, der ihr den Namen seiner Mutter gegeben hatte.
Das kleine „Sofiele“ wurde mit 3 Jahren sehr krank, man bereitete sich schon auf ihren Tod vor, da trat die 2. starke Frau, die sie prägte, in ihr Leben.
Es war die Gemeindeschwester und Stiefgroßmutter, gerade ein Jahr älter als meine Großmutter, die ich nur als „Frau Peter“ kenne und der ich daher auch keinen Vornamen geben kann.
Sie pflegte die kleine Sofie gesund, so wie sie auch viele andere Kinder in Grethen vor dem frühen Tod rettete. Ihre erfolgreichste Medizin soll eine fette Hühnersuppe gewesen sein, die sie manchmal für ihre armen, kranken Kinder betteln musste.
Frau Peter stammte aus dem Württembergischen, aus einem Waisenheim. Dort war sie als Resultat eines „Fehltritts“ gelandet und zur Krankenschwester ausgebildet worden.
Lange war das einer der wenigen Berufe, die alleinstehende Frauen ungehindert ausüben durften.
Grethen hatte als Gemeinde eine von der Gemeinde eingestellte und bezahlte Krankenschwester, eben Frau Peter.
Das ist einerseits erstaunlich, den die meisten Einwohner des Ortes waren arm. Die Männer holten sich als Steinbrucharbeiter schon früh eine Staublunge und die Frauen ernährten ihre vielen Kinder aus dem Wald.
Wobei der, zu der Grethener und Seebacher Unglück, auch noch den Dürkheimern gehörte, so dass sie dabei regelmässig mit den Förstern in Konflikt gerieten.
Andererseits führte gerade die Armut dazu, dass in Grethen relativ früh ein sozialdemokratischer Ortsverein entstand. Was die Existenz einer Gemeindeschwester dann schon wieder weniger erstaunlich macht.
Frau Peter hatte es schwer als alleinstehende Frau und so heiratete sie schließlich einen 70jährigen Witwer, meinen Urgroßvater. Der verkaufte mitten im 1.Weltkrieg einen großen Teil seiner Weinberge um das erworbene Geld in Kriegsanleihen an zu legen.
In der Zeit als Frau Peter meiner Mutter das Leben rettete, 1923, hatten es dann nur noch die Bauern gut, die ihr Land behalten, oder wie meine Großeltern, dem eigenen Vater abgekauft hatten.
So kam es, dass die Gemeindeschwester Peter eher ihren alten Mann durchfütterte als er sie.
Die 3.starke Frau im Leben meiner Mutter war ihre 12 Jahre ältere Schwester, meine Tante Käthchen.
Sie wird später noch ihren Auftritt haben.
Es war schwer, bei so vielen starken Frauen nicht ein Leben lang nur das „Sofiele“ zu bleiben. Und manchmal, wenn ihre ältere Schwester ihr die Realitäten oder das was sie dafür hielt, erklärte, wurde sie auch regelmäßig noch mit weit über 70 zum „Sofiele“.
Aber man durfte sich da nicht täuschen. Tatsächlich war sie, trotz ihrer zarten Konstitution, sehr zäh und sehr willensstark.
Ich habe als kleiner Junge Frau Peter nur ein paar mal besucht. Sie wohnte unterm Dach. Da das Haus aber an einem Hang gebaut war, konnte man von der Strasse aus in das Haus treten. Das war etwas seltsam, vor allem weil sogar ich als großgewachsener Junge mich am Eingang etwas bücken musste.
Die beiden Frauen, so spürte ich es wenigstens, verband ein sehr zärtliches, von Seiten meiner Mutter auch achtungsvolles Verhältnis.
Die Konflikte, die damals ganz Deutschland durchzogen, wiederholten sich auch im Grethen-Seebacher Mikrokosmos. Nur dass hier aus der „großen Politik“ das Wirken, manchmal auch verhängnisvolle Wirken, meiner Vorfahren wurde, sich also gewissermaßen ins „normale Leben“ rückübersetzte.
Grethen war rot und die Grethener SPD und KPD sind, wie in der Familie erzählt wurde, noch nach der „Machtergreifung“ 1933 unter der Parole „Grethen bleibt rot“ durch den Ort gezogen.
Seebach war dagegen tiefbraun. Im „roten“ Grethen waren meine Familie, vor allem der älteste Bruder meiner Mutter, Jahrgang 1904, als „Braune“ eher in der Opposition zum Rest des Dorfes. Mein Onkel war sogar einer der führenden lokalen Nazis.
Er hatte 1928 den Ortsverband der NSDAP mitgegründet.
Aber nicht nur der Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten einerseits und National“sozialisten“ andererseits, spaltete das Dorf. Es gab noch einen älteren Gegensatz: Dem zwischen katholisch und evangelisch. Mehrheitlich war der Ort, wie es in der Pfalz heisst, protestantisch. Aber es gab in Grethen, im Gegensatz zu Seebach, eine einfache und bescheidene katholische Kirche für die Minderheit.
Diese Kirche befand sich gegenüber dem Anwesen meiner Großeltern auf der anderen Seite des Tals, getrennt von Elternhaus der kleinen Sofie nur durch den Bach, über den eine Holzbrücke führte und eine Bleichwiese.
Meine Großmutter hielt nicht viel von „katholische Ferz“. Z.B. lehnte sie mit dieser Begründung Grablichter ab. Überhaupt hatte der Herrgott die Menschheit nicht in gut und böse geteilt, sondern in faul und fleissig.
Kirchen hatten einfach und schlicht zu sein, mit weiß getünchten Wänden, damit nichts von Gottes Wort ablenkt.
Die kleine Sofie fand dagegen die farbenprächtigen Rituale, vor allem an Fronleichnam, die sie aus ihrem Garten heraus beobachten konnte, sehr spannend.
Sie muss das bunte Treiben regelmäßig in sicherem Abstand beobachtet haben.
Als sie 17 Jahre alt war, lernte sie, wie das hat sie nie erzählt, einen katholischen jungen Mann aus Ludwigshafen kennen. Wie und warum der aus Ludwigshafen ins kleine Grethen kam, darüber kann man nur spekulieren, zumal die katholische Jugend von der GESTAPO überwacht wurde.
Wie auch immer: Die beiden verliebten und verlobten sich heimlich.
Irgendwann kurz nach Ende des Kriegs kam dann ein junger Soldat aus Bobenheim am Berg zu ihr, der ihr die letzte Botschaft ihres Liebsten aus Nowgorod brachte.
Dieser Bobenheimer starb bald darauf selbst an den Nachwirkungen des Krieges.
Sofie besuchte sein Grab und traf dort seine Mutter, die von da an glaubte, ihr Sohn sei der Geliebte meiner Mutter gewesen. Meine Mutter lies sie in diesem Glauben.
Ich weiß nicht, wenn sie noch in diesem Glauben ließ.
Bad Dürkheim, in das Grethen und Seebach 1937 eingemeindet worden war, hatte und hat eine freiwillige Feuerwehr. Als dann während des Krieges die jungen Männer eingezogen wurden, blieben nur noch die Alten übrig.
Da man nur mit alten Männern schwer Feuer löschen kann, geschweige denn bei „Sondereinsätzen“ der Polizei als Hilfstruppe dienen, wurden bald junge Frauen für die Feuerwehr zwangsverpflichtet. So ging es auch meiner Mutter.
Und so kam sie als Feuerwehrfrau in jenes Inferno am 18. März 1945 , als die alliierten Bomber, das bis dahin vom Krieg weitgehend verschonte Bad Dürkheim in einer Nacht in Schutt und Asche legten.
Unter den alten Männern, die die eine Hälfte der Feuerwehr bildeten, hatte meine Mutter einen Mentor gefunden, der sich wohl als ihr Beschützer sah.
Am Dürkheimer Obermarkt schickte er meine Mutter mit den Worten nach Hause: „Mädche, es langt, wann mir sterwe misse, Du bist noch zu jung dezu“.
Für meine Mutter war das ein Befehl, obwohl er ihr nichts zu befehlen hatte.
Der Weg nach Grethen führte über den Finkenpfad, ein Dürkheimer Viertel neben der Winzergenossenschaft, das aus lauter kleinen Bauernhöfen, mit Scheune, Stall und Hof bestand.
Der Finkenpfad besteht aus lauter Gassen, die durchnummeriert sind. In der letzten Gasse wohnten die Schwiegereltern von Tante Käthchen, der älteren Schwester meiner Mutter.
Während meine Mutter durch den Finkenpfad, den Dürkheimer Friedhof und den Fußweg nach Grethen endlich ihrem Vater in die Arme lief und fiel, ereignete sich nebenan eine Tragödie.
In der letzten Gasse des Finkenpfads schlug eine Bombe ein. Dort wohnten die Schwiegereltern meiner Tante Käthchen. Die ganze Familie wurde verschüttet und einer Untermieterin zerriss der Unterdruck der Bombe die Lunge.
Ich habe lange gebraucht, die verschiedenen Erzählungen und Erinnerungsbruchstücke so zusammen zu setzen, dass sich daraus dieses Bild ergibt.
Und selbstverständlich weiß ich nicht, ob es tatsächlich so war
Als meine Mutter den Dürkheimer Friedhof hinter sich ließ, neben dem alten Schwimmbad her, das inzwischen abgerissen und bebaut ist, an der Isenach auf dem Weg nach Grethen endlich ihrem Vater in die Arme lief, zitterte die Erde wie bei einem Erdbeben.
In Wolfram von Eschenbachs Parceval geht die Mutter Parcelvals, die Königin Herzeloyde mit Säugling und Gefolge in die menschenleere Wildnis. Ihr Mann ist als Ritter gestorben und Herzeloyde will verhindern, dass auch ihr Parceval ein Ritter wird.
Am Ende scheitert sie damit und stirbt an gebrochenem Herzen.
Meine Mutter war nur eine einfache Bauersfrau und konnte daher in keine Wildnis entfliehen, trotzdem tat sie alles, so verstehe ich das zumindest jetzt, damit ihre Söhne, vorneweg ihr Ältester, keine tapferen Krieger werden würden.
Sie war eine herzensgute Frau. Aber sie trug in sich einen tiefsitzenden, abgrundtiefen Hass auf alle Kriegstreiber und Kriegshetzer, vorneweg den Mann aus Braunau.
Aber natürlich erzieht keine Mutter ihre Kinder allein.
Mein Spielkamerad Gunter erzählte mir zum Beispiel voller Stolz von jenen Hitlerjungen, die sich angeblich auf Torpedos festgeschnallt hätten um diese sicher ins Ziel zu lenken und damit feindliche Schiffe zu versenken.
Ich hatte etwas Probleme mit dieser Art Heldentum, bei dem man am Ende stirbt. Mein Glaube an die Jungfrauen in welchem Paradies auch immer, ist dazu nicht stark genug.
Bei mir mussten die Helden am Leben bleiben und gewinnen.
Oder mein Opa. Er hatte vorne, wie wir alle, einen Nabel. Aber gleichzeitig hatte er auch hinten eine einem Nabel sehr ähnliche Vertiefung. Die war entstanden als im 1914, kurz hinter Pirmasens, ein Franzose in den Rücken geschossen hatte.
Dass ihm dadurch Verdun erspart blieb, kurierte ihn nicht, sondern machte ihn nur noch fanatischer. So soll er sich während des 2.Weltkriegs damit wichtig gemacht haben, dass er als ziemlich unwichtiger Kommandeur der ebenfalls unwichtigen Seebacher freiwilligen Feuerwehr Männer mit falsch sitzender Uniform an die Kommantatur meldete.
Auch er, mit seinem sorgfältig gezwirbelten Schnauzbart, versuchte mir die echten Ideale echter Männer näher zu bringen.
So wuchs auch ich zum Ritter für das Wahre, Gute und Gerechte heran, wobei meine Mutter nur dann bereit war, mich in dieser Rolle zu akzeptieren, wenn ich mir jenen schwarzen Pfarrer aus Birmingham(Alabama) zum Vorbild nehmen würde.
Dr.Martin Luther-King war die einzige Sorte von Helden, die noch Gnade vor ihren Augen fanden.
Deswegen ging sie auch mit, um in Hasselbach gegen Cruisse missiles zu demonstrieren.
Es ist der Gang des Lebens, dass man, je älter man wird, umso mehr von Toten umgeben ist. Menschen, die man geliebt hat und von denen einem nichts geblieben ist, als die Erinnerung.
Die Gefahr ist groß, dass man mit ihnen und seiner Erinnerung immer einsamer wird, bis man selbst gehen muss und ebenfalls verblasst.
Deswegen müssen wir unsere Erinnerungen teilen, mit denen die leben.
Sie allein können entscheiden was es wert ist, nicht vergessen zu werden.
Wir sollten ihrem Urteil vertrauen, zumal wir eh‘ keine andere Wahl haben.
Gabi war neugierig, oder besser gesagt, sie war sehr interessiert an anderen Menschen und an ihrer Welt. Ihre Neugier wird nicht von der Sorte, die durch jedes Schlüsselloch schaut, sie war mehr wie ein kleines Mädchen, das fragt: „Wer bischdn Du?“.
Deswegen reiste sie gern und bevor wir uns für irgendein Reiseziel entschieden, hatte sich sicher schon die passenden Merian-Hefte und andere Reiseliteratur angeschafft und angeschaut.
Sie schrieb auch an die nationalen oder regionalen Touristik-Büros und wurde dafür in der Regel mit einem großen Packen Material belohnt.
Meistens erfuhr sie auf diesem Weg auch von kleinen, weitgehend unbekannten Reiseanbietern mit deren Hilfe wir dann planten und buchten.
Wir waren somit keine Alternativ-Touristen, aber Touristen auf den Suche nach Alternativen.
Gabi fehlt mir...
Ich heisse Gabi Hesselbein. Ich kenne Gabi seit ca. 40 Jahren. Nicht sehr gut, nicht aus persoenlichen
Zusammenhaengen, sondern aus Begegnungen mit ihr und Walter, ihrem Mann. Ich weiss ehrlich
gesagt nicht mehr, wann und wie ich ihr zuerst begegnet bin. Walter kenne ich etwas besser und
regelmaeessiger aus der Zeit unserer Zusammenarbeit.
Das hat sich geaendert in den 2000er Jahren. Ploetzlich bekam ich eine E-Mail, dass Walter und Gabi
zu Besuch in London seien. Wir verabredeten uns an ihrem Hotel, trafen uns, zogen zu einem
Restaurant und spontan wollten wir etwas karibisches Flair starten und bestellten Margueritas. Wir
verstanden uns so gut. Gabi erzaehlte von der Arbeit bei der Post, von der Postgewerkschaft, von
gesundheitlichen Problemen und all der Vorfreude auf den Urlaub in Penzance. Und davon, dass sie
nicht gern fliegt, lieber den Zug nimmt, wie sie mit ihren Kraften haushalten musste, und dass sie
ueber Pensionierung nachdenkt. Gabi und Walter waren so typisch fuer das, was James und ich
immer mochten: du kannst ueber die Gott und die Welt reden, ueber fruehere Erfahrungen,
familiaere Hintergruende in Franken, Fidel Castro, die US-Regierung und ueber die Brexit-
Bestrebungen, und dass dabei immer interessante Gedanken geauessert wurden, auch wenn es
manchmal der Uebersetzung bedurfte.
Unsere Begegnungen wurden oefter: in Ludwigshafen, in London, und wir planten andere, wie in
Berwick, aber das hat nicht geklappt. Wir trafen uns bei uns hier in London, wir trafen uns bei ihnen
in Mutterstadt, als Gabis Mutter noch lebte und tapfer den Abend auf Englisch ueberstand. Wir
sassen auf unserer Terasse und redeten stundenlang. Walter und Gabi bemerkten, dass wir einen
guten Whisky zu schaetzen wissen und ueberraschten uns an einem Heiligabend mit Whisky und
Kirsch aus der Pfalz. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass wir Schoppeglaeser aus der Pfalz hier in
London haben (obwohl, ehrlich gesagt, sie meist fuer „Pimm’s“ genutzt werden.) Aber die wichtige
Nachricht war: man soll sie gemeinsam benutzen. In Gesellschaft. Das tun wir.
Gabi hatte ihre Schwierigkeiten mit Englisch. Aber sie konnte stets klarmachen, was ihr Standpunkt
zu diesem oder jenem war. Das vermisse ich besonders deutlich. Sie hat zum Brexit im besten
Englisch gesagt: May goes, when June comes. Das war gemuenzt auf Theresa May, und ich finde es
auessert schlagfertig.
Ich habe Gabi in den letzten Jahren besser kennengelernt. Sie war nicht nur eine tief in der Wolle
gefaerbte Gewerkschaftfrau, immer mit den Ohren und Augen bei ihren KollegInnen, sie hatte ein
Auge auf
alle
Menschen, und das waren natuerlich auch die, die ausserhalb der Bundesrepublik
Deutschland als Hungernde, Kranke, Fluechtlinge und Verzweifelte lebten. Gabi hat sich fuer den
Eine Welt Laden eingesetzt, aber auch viel mehr: Gabi wollte einen neuen „Gesellschaftsvertrag“
zwischen Armen und Reichen, Nord und Sued, sie hatte ein Menschenbild, in dem es dem Menschen
gut gehen sollte. Das stand und steht im Widerspruch und ihrer Revolte gegen Zustaende, die sie
selbst als kleines Kind erfahren hat, und natuerlich der realen Welt mit all ihrem Leid.
Ich vermisse Gabi vor allem deswegen, weil ihre Stimme aufgehoert hat, Veraenderungen in unserer
Gesellschaft anzufordern. Darueber hinaus trauere ich um eine liebe Freundin, die jede Muehe auf
sich genommen hat, jemandem eine Freude zu bereiten, wie z.B. mir zu meinem 60. Geburtstag.
Gabi fehlt mir, weil ich nicht mehr mit ihr telefonieren kann, ihre tiefe Stimme nicht hoeren kann, ihr
Lachen...
Gabi ist und war eine Person, die das Salz der Erde sind und die Gesellschaft zusammenhalten.
Remembering Gabi Odermatt-Altvater
I did not know Gabi Odermatt well, but I feel very lucky to have had the chance to meet her several times in Germany and in London. I still remember my first encounter with Gabi around a mutual friend’s dinner table in Ludwigshafen. She immediately struck me as a no-nonsense and powerful woman reminding me of the best of the trade-unionists I have met in my life. I could tell she had a deep sense of social justice and a low tolerance for ‘bullshit’, whether coming from wealthy conservatives or friends on the left. No nonsense. Yet she seemed to have a fantastic sense of humour and a wry smile, which I suspect reflected a capacity for sarcasm that she kept firmly under control. Gabi struck me as someone who was an indomitable fighter and I gather she remained that way right up to the end. How I wish I could have spoken to her in German but somehow she managed to listen to me in English and, after a glass of wine or two, she could express herself quite well in my language. Walter and Gabi seemed to be that kind of rare couple, devoted to one another through thick and thin. I know how deeply he has felt her passing, but I suspect as the pain subsides it will be her stubborn perseverance, indomitable spirit and sense of humour that will continue to inspire him. I am a grateful I had the chance to know Gabi Odermatt.
Professor James Putzel
London
In Erinnerung an Gabi Odermatt-Altvater
Ich habe Gabi Odermatt nicht gut gekannt, aber ich bin sehr gluecklich, sie einige Male in Deutschland und in London getroffen zu haben. Ich erinnere noch meine erste Begegnung mit Gabi um einen Abendessentisch bei gemeinsamen Freuden in Ludwigshafen. Unmittelbar beeindruckte sie mich als eine keinen Unsinn erzaehlende und kraftvolle Frau, die mich an die besten Gewerkschafter erinnerte, die ich jemals im Leben getroffen habe. Ich wusste schnell, dass sie einen tiefen Sinn fuer soziale Gerechtigkeit hat und eine geringe Toleranz fuer Unsinn, komme er von reichen Konservativen oder Freunden aus der Linken. Keinen Unsinn. Dennoch hatte sie einen phantatischen Sinn fuer Humor und ein trockenes Laecheln, und ich nehme an, das widerspiegelte ihre Faehigkeit zum Sarkasmus, den sie streng unter Kontrolle hielt. Gabi beeindruckte mich als jemand, den ich als unbezaehmbare Kaempferin wahrgenommen habe, und ich nehme an, dass sie so geblieben ist bis zum Ende. Wie wuenschte ich mir, mit ihr auf Deutsch haette sprechen zu koennen, aber irgendwie schaffte sie es, auf Englisch zuzuhoeren und dann, nach einem Glas Wein oder zwei, schaffte sie es, sich gut in meiner Sprache aeussern zu koennen. Walter und Gabi scheinen die nette Art von seltenen Paaren zu sein, die einander gewidmet sind durch Dick und Duenn. Ich weiss, wie tief er ihren Weggang gefuehlt hat, aber ich vermute, wenn der Schmerz ein wenig abnimmt, dass ihr hartnaeckiges Durchhaltevermoegen, ihr unbezaehmbarer Geist und ihre Art von Humor ihn weiterhin inspirieren werden. Ich bin dankbar, dass ich die Chance hatte, Gabi Odermatt kennengelernt zu haben.
James Putzel…..