Nachdenken über den Tod: Der tote „Herrgottskäfer“

Als Jugendlicher versuchte ich Goethes „Dichtung und Wahrheit“ zu lesen. Allerdings hat mich dann irritiert wie genau sich der alte Mann an das vierjährige Kind erinnert.

Zwar war es sehr klug, dass er sein Werk „Dichtung und Wahrheit“ nannte, denn Erinnerung ist immer beides: Dichtung und Wahrheit,
aber es war mir, in Bezug auf den Vierjährigen, zu viel Dichtung und zu wenig Wahrheit. Ich habe Goethe bis heute nicht zu Ende gelesen.
Die folgende Geschichte wird sich vermutlich auch in oder um mein 4. oder 5. Lebensjahr abgespielt haben.
D.h. vermutlich 1956, dem Jahr in dem Brecht starb und sowjetische Panzer den Ungarnaufstand niederwalzten.
Noch eine Vorbemerkung: In der Pfalz ist man ungefähr zu 40% katholisch und zu 50% protestantisch. Allerdings setzen sich diese Prozentzahlen aus einem Flickenteppich zusammen,
bei dem in einem Dorf die einen die dominierende und auch unterdrückende Mehrheit sind, im anderen Dorf oder Stadt die anderen.
In Wachenheim ist man katholisch, nebendran in Bad Dürkheim protestantisch.
Bis zum Ende des 2.Weltkriegs konnte man vermutlich die Herrschaftsverhältnisse von 1648 an der Mehrheits-Religionszugehörigkeit der Dörfer und Städte ablesen.
Die Flüchtlinge aus dem Osten brachten dann große Veränderungen. Und danach auch viele sogenannte „Mischehen“.
Bei mir heißt der Marienkäfer „Herrgottkäfer“, weil z.B. für meine Großmutter Marienverehrung ein eher heidnischer Brauch war.
Ich ging damals mit meinen Eltern gerne auf dem Friedhof spazieren und interessierte mich vor allem für Kindergräber.
Z.B. gab es auf dem Grethener Waldfriedhof ein kleines Kindergrab mit einem weißen Porzellanengel. Und in Seebach wurde auf dem Grab der Familie Thalhammer
auch an eine bei ihrem Tod 14jährige Lina gedacht. Die allerdings nicht in diesem Grab bestattet war.
In meiner Erinnerung jeden Tag, aber es war wohl nicht jeden Tag, kam eine alte, gebückte Frau, die Frau Thalhammer die Seebacher Strasse hoch,
durch unser Haus und den Garten zum Grab ihres Mannes und zum Gedenken an ihre Tochter.
Wenn ich nach Lina fragte, wurde mir erklärt, dass man der Frau Thalhammer schwer mitgespielt hätte. Was komisch war, denn sie lebte ja noch.
So stand meine Mutter vor einer doppelten Herausforderung: Sie musste mir den Ernst des Todes erklären und dass deswegen der Friedhof auch kein Spielplatz ist,
und gleichzeitig musste sie mir die Angst vor dem Tod nehmen, der, wie ich von den Kindergräbern wusste, auch schon kleine Jungen treffen konnte.<
Und so erzählte sie mir von Engeln im Himmel und dass kleine Jungs, wie ich, dort immer einen Platz finden werden. Neben dem lieben Herrn Jesus, der gesagt hatte: Ihr Kinderlein kommet!
Kurz darauf (jedenfalls in meiner Erinnerung) entdeckte ich einen toten Herrgottskäfer auf dem Rücken liegend. Ich war todtraurig. Warum muss dieser arme Käfer sterben?
Als ich das mit meiner Mutter besprach, erklärte sie mir, dass Käfer in keinen Himmel kommen. Und als ich wissen wollte warum, meinte sie,
wenn alle Herrgottskäfer auf der Welt in den Himmel kämen, wäre dort sicher bald kein Platz mehr.!
Damit hatte sie allerdings einen Samen des Zweifels in mir gepflanzt: Konnte es sein, dass irgendwann auch für all die Menschen im Himmel kein Platz mehr ist?
Und warum erspart der liebe Gott nur den Menschen den Tod, während alle anderen sterben müssen?





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