Gabi stirbt - 8.4.2020

Es ist jetzt der 9.April 2020 6:08. Gestern um 6:34 rief mich Gabi aus dem Krankenhaus an um mir zu sagen, dass sie sterben wird. Das Gespräch dauerte 4 min 25 s.

Während des Gesprächs atmete Gabi schwer und ich versuchte ihr das Sterbenwollen aus zu reden.
Kurz nach 7 Uhr rufe ich bei Ihrem behandelnden Arzt an und sage ihm, das meine Frau davon ausgeht, dass sie stirbt.
Er habe sie gerade bei seiner Visite getroffen und meint, es gehe ihr den Umständen entsprechend.
Da alle Krankenhäuser wegen Corona derzeit geschlossen sind, machte er mir das Angebot um 14 Uhr zu kommen und mich dabei auf ihn zu berufen, ich bekäme dann eine Viertelstunde.
Eine halbe oder dreiviertel Stunde später ruft er mich an und sagt, ich solle mir so schnell es geht ein Taxi rufen, meine Frau liege im Sterben.
Auf der Station: „Hier ist ihr Zimmer“.
Als ich das Zimmer betrete, sehe ich gerade, wie eine Schwester und eine Schwesterschülerin einer Toten den Puls messen.
Ich nehme ihre Hand. Sie ist noch warm, aber ich bin zu spät.
Je kränker Gabi wurde, desto stärker wuchs mein Glaube, dass sie den Krebs besiegen kann und ich wollte ihr dabei helfen.
Jetzt hat mein allzu starker Glaube verhindert, dass ich mich von Ihr verabschieden konnte.
Dabei war ich doch vor kurzem noch so stolz auf mich, dass ich meinen christlichen Glauben, den Glauben an den Kommunismus abgelegt
und endlich in der Kirche der Ungläubigen und Skeptiker gnädig aufgenommen worden war.
Ich wollte mir niemals mehr was vormachen.
Jetzt hat mich meine allzu starke Neigung, das zu glauben, von dem ich will, das es so ist, wieder eingeholt.
Und Gabi als mein wichtigstes Korrektiv ist tot.





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